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TV-Kritik zu „Maybrit Illner“ : Der Feind heißt Menschenhass

  • -Aktualisiert am

Bei Maybritt Illner zu Gast: Reiner Haseloff, Maybrit Illner, Sebastian Fiedler (v.h.), Stephan J.Kramer, Marina Weisband, Elmar Theveßen. Bild: ZDF/Jule Roehr

Der Anschlag in Halle bezeugt, wie sich Achsen des gesellschaftlichen Zusammenhalts verschoben haben. Wer Hass sät oder zulässt, dass andere ihn säen, braucht sich über die Ernte nicht zu wundern.

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          Elmar Theveßen erinnert an den norwegischen Terroristen Anders Breivik. Er hat mit seinem „Manifest“ die Grundlagen für das Denken und Handeln rechtsextremer Gewalttäter gelegt. Wer sich wortreich von ihnen distanziert, unterschätzt, wo sie herkommen und was sie antreibt. Der Judenhass gedeiht nicht in einem finsteren Abseits, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Wer von Bevölkerungsaustausch oder Umvolkung redet, befolgt das Skript des norwegischen Terroristen und erzeugt ein Gefühl der Bedrohtheit, das Leute wie den Attentäter dazu ermuntert, Terror als Verteidigung auszugeben. Solches Denken ist heute so weit verbreitet, dass es nicht mit Polizeiarbeit getan ist, die Gesellschaft davor zu schützen.

          Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter zeigen sich noch immer außerstande, die subtilen Signale einer sich radikalisierenden Kommunikation frühzeitig zu erkennen und angemessen damit umzugehen. Ihre Löschabteilungen sind ein Witz gegenüber der Herausforderung, um die es für lange Zeit gehen wird. Auf jedes mehr oder weniger subtile Signal aufkeimenden Hasses gilt es durch persönliches Engagement, durch Einspruch zu antworten. Wo Hass aufblitzt, ist jeder und jede gefordert, darauf Antworten zu finden. Mit Löschanträgen oder Blockaden oder Stummstellen ist das Problem aus dem Blickfeld zu schaffen, aber nicht zu lösen. Mut ist lernbar und muss zum Thema werden, von der Krippe über die Kindergärten bis zu den Schulen und Universitäten.

          Bei Maybritt Illner wurde emotional über den Anschlag auf eine Synagoge in Halle diskutiert.

          Subtile Vorzeichen einer psychischen Gefährdung sind uns im Alltag geläufig. Oft blenden wir sie aus, wollen ihnen entgehen. Bipolare Störungen, das hat der Autor Thomas Melle eindringlich beschrieben, sind bedrohlich. Das ist kein Plädoyer für unfreundliche nachbarschaftliche Überwachung, sondern eine Chance, wie sich die Gesellschaft durch Anteilnahme und Aufmerksamkeit besser schützen kann als durch ein Polizeifahrzeug vor einer Synagoge, das von dem Täter vermutlich als erstes mit einem Sprengsatz angegriffen worden wäre.

          Auf dem rechten Auge nicht blind

          Judenhass ist tödlich. Diese bittere Einsicht gilt es nach dem Anschlag in Halle richtig zu verstehen. Judenhass hat zu zwei Todesopfern und zwei Schwerverletzten geführt. Ministerpräsident Reiner Haseloff sagt, der Anschlag galt dem friedlichen Zusammenleben. Wie ist es um dieses Zusammenleben bestellt? Ist das eine Frage der Kriminalprävention und des Überwachungsstaats? Wer das behauptet, nimmt bittere Enttäuschungen in Kauf. Die Behörden sind schon lange nicht mehr auf dem rechten Auge blind, sagt Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender der Kriminalbeamten.

          Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde sagt, er habe durch die Überwachungskamera den Tod auf sich zukommen gesehen. Das ist eine furchtbare Feststellung. Sie wechselt, fast 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, die Blickrichtung. Nun schauen die Mörder nicht mehr durch das Sichtglas der Gaskammer auf ihre Opfer. Nun sehen die designierten Opfer den Mörder auf sich zukommen. Die feste Tür hat geschützt, nicht vor dem Schrecken. Das ist das Trauma von Halle. Das ist die Herausforderung an das Mitgefühl und für den Versuch zu verstehen, was es bedeutet, wenn eine Synagoge am Tag des Versöhnungsfestes kein sicherer Raum mehr ist.

          Blinde Floskelwolken

          Die Floskelwolken der Spitzenpolitiker bezeugen eine semantische Schwäche. An ihrem Mitgefühl gibt es keinen Zweifel. Aber hat Horst Seehofer, der von einer „Schande für unser ganzes Land“ sprach, wirklich verstanden, was in den Menschen vorging, die auf der anderen Seite der sie schützenden Tür den Mordgesellen sahen und hörten, wie er „Fuck!“ schrie?

          Elmar Theveßen erwähnt, dass es im Netz fünf Leute gegeben habe, die dem Attentäter live zugesehen haben. Was ist in ihnen vorgegangen? Wie wird die Tat auf den einschlägigen Plattformen kommentiert? Ist der Attentäter ein Held oder hat er versagt? Die Anschläge in Pittsburgh und in Christchurch gelten in solchen Szenen als Maßstab. Auch das Morden schielt nach Rekorden. Wir können Reiner Haseloff glauben, dass er bis an sein Lebensende an dieser Erfahrung „zu knabbern hat“. Welche Konsequenzen zieht er in seiner Verantwortung als Ministerpräsident daraus?

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