https://www.faz.net/-gqz-9qvwc

TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Der fehlende Sex Appeal des Gemeinwohls

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert in ihrer Sendung am 5. September 2019 mit Gästen zum Thema: „Getrieben, gespalten, geschrumpft – CDU und SPD ohne Plan?“ Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Die einen veranstalten Werkstattgespräche, die anderen eine Castingshow: Das klingt wie ein Sehnen nach Ohnmacht – Führungsstärke sähe anders aus. Sind die Regierungsparteien tatsächlich so planlos wie sie scheinen?

          4 Min.

          Die Diskussion nährt Sehnsucht nach einer Ballade von der Zulänglichkeit menschlichen Strebens. Enttäuschung aber ist unvermeidlich. Das liegt nicht an der Unzulänglichkeit der handelnden Personen, sondern am Betriebsmodus einer Großen Koalition. Die Partner können einander nichts gönnen. Immer stellt sich ihnen einer oder eine wie ein „bucklicht Männlein“ in den Weg, den sie für den richtigen halten. Kompromisse gelten in der robusten Meinungsbildung als faul, obschon sie, genauer betrachtet, Interessen ausgleichen und damit den Beweis erbringen könnten, dass die Politik mehr kann, als ihr zugetraut wird.

          Das ist zäh, widerspricht aber der medialen Sehnsucht nach einer Erzählung davon, wer sich gegen wen wie durchgesetzt hat. Die mediale Verarbeitung der real existierenden Komplexität ist Teil des Problems, schön und in Zeitlupe daran zu bemerken, wie Spiegelredakteur Markus Feldenkirchen immer mal wieder die Backenmuskeln anspannt und Welt-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld auf der Suche nach Antworten in den Studiohimmel schaut, als ob von da Erleuchtung winkte und nicht nur heiße Scheinwerfer die Maske anschmelzen.

          Die CDU hat in Sachsen massive Verluste eingefahren, aber ist stärkste Partei geblieben. Die Unterstützung durch Hans-Georg Maaßen hat nur einem CDU-Kandidaten genützt, in anderen Fällen haben Maaßens Auftritte örtlichen AfD-Kandidaten zum Sieg verholfen. Die Vorsitzende der CDU aber behauptet, Michael Kretschmer habe dem freundlichen Gesicht von Sachsen zu einer Mehrheit verholfen.

          Bundesspitze soll sich rar machen

          Was will sie damit sagen? Ist Kretschmer das freundliche Gesicht des Freistaats? Hat seine Geduld für zahllose Gespräche andere Gesichter in den Vordergrund gerückt als die geifernden Schreihälse aus Heidenau im Herbst 2015? Frau Kramp-Karrenbauer muss damit zu leben lernen, dass jeder Satz von ihr gewogen wird. Damit hat sie sich noch nicht angefreundet. Daher kommt es zu so rätselhaften Sätzen. Frau Rosenfeld konstatiert trocken, die Sachsenunion habe einen eigenen Kurs gefahren und ihrer Bundesspitze dazu geraten, sich rar zu machen.

          Die Wahlbilanz der SPD ist im Vergleich dazu entspannter. Es gibt niemanden, dem man die Verluste zuschieben kann. Das Führungsvakuum und die Castingshow sind Ausdruck einer taktischen Weitsicht, die absehbaren Verluste nicht gleich einem neuen Vorsitzenden aufzubürden, sondern sie abzuhaken, eine feine Beobachtung von Markus Feldenkirchen.

          Idee des Gemeinwohls muss wieder attraktiver werden

          Der Münchener Historiker Andreas Wirsching redet von einer Krise der Repräsentation. Die Wähler scheinen nicht mehr dazu bereit, der abstrakt gewordenen Idee von Demokratie zu folgen, sondern nur noch danach zu fragen, was für sie als Vor- oder Nachteil herausspringt. Dass es nach wie vor Interessen gibt, sie sich aber entkoppelt haben von der Frage, wer sie glaubhaft vertritt, überschattet die Wahlstrategien der ehemaligen Volksparteien. Sie scheinen nicht dazu bereit, auf die „volonté generale“ zu setzen, obschon fast alle politisch Interessierten sich danach sehnen, dass die Idee des Gemeinwohls nachvollziehbar und überzeugend wieder zum Ausdruck gebracht würde.

          Dieses Manko ist nicht mit dem Verlust von Parteimitgliedern abzutun, wie Frau Kramp-Karrenbauer weiszumachen versucht. Es liegt auch nicht an mangelnder Geschlossenheit – noch so ein Begriff aus der Vergangenheit politischer Organisationen, der in der modernen politischen Kommunikation bestenfalls als Illusion gilt. Ist es nicht vielmehr die Aufgeschlossenheit politischer Parteien für neue Themen, die sie interessant macht? Wo ein Blick grüßt, werft die Anker aus!

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Die durchschnittliche Spendensumme für Bernie Sanders liegt bei 18,07 Dollar.

          Unsummen im Wahlkampf : Das weiße Haus des Geldes

          Wer keine Fernsehspots kaufen kann, hat das Nachsehen beim Kampf um die Aufmerksamkeit der demokratischen Wähler. Die Konkurrenz der Milliardäre macht es noch schwerer – aber manche Kandidaten sind davon unbeeindruckt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.