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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Und täglich grüßt der Impfnotstand

Coronavirus-Debatte bei Maybrit Illner Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Da hilft auch keine dramatische Musik im Hintergrund: Die Diskussion über einen drohenden „Endlos-Shutdown“ und zu knappen Impfstoff verliert sich in Wiederholungsschlaufen. Muss das sein?

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          Fast schon bekommt man Mitleid, wenn man sich die Themen der vergangenen Sendungen von Maybrit Illner anschaut: „Langsames Impfen, schnelles Virus“, „Was kommt nach dem Shutdown?“, „Erst Lockdown, dann Impfung“, „Kraftakt bis zur Impfung?“, „Wie weit fährt Deutschland runter?“ – und gestern Abend: „Impfen, Masken, Mutationen – droht der Endlos-Shutdown?“. Mehr Eintönigkeit ist schwer vorstellbar. Die Frage ist nur, ob man eher die Zuschauer bemitleiden muss, die für solche Formate in der Dauerschleife zahlen müssen, oder die Moderatorin, die sich immer wieder durch dieselben Fragen wälzen muss.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Sei’s drum: Ein leicht dramatisch gefärbter Einspieler mit – Achtung! – geistlicher Chormusik im Hintergrund peppt die ganze Sache auf, mag sich das ZDF (irrigerweise) gedacht haben. Also werden wir noch mal kurz informiert über den Ernst der Lage, die Maßnahmen der Bundesregierung, Ungewissheiten und Gewissheiten im „drohenden Endlos-Shutdown“. Dann fragt Maybrit Illner ganz gefühlsecht: „Was macht das mit den Bürgern?“

          Das ruft sofort den Kolumnisten und Autor Sascha Lobo auf den Plan, der, wenn er nicht gerade schimpft, in die Kamera guckt wie ein bockiges Kind und sich nun beschwert: Es gebe eine große Verunsicherung in der Bevölkerung durch das ständige Hin und Her der Politik; es werde extrem schlecht kommuniziert; die Inkonsistenz der Maßnahmen mache die Leute rasend und sei nicht nachvollziehbar. Das mag, ließe sich entgegnen, eine Folge der politischen Entscheidung sein, „auf Sicht zu fahren“, solange die pandemische Entwicklung nicht endgültig eingefangen werden kann. Nur: Wie könnte es in einer solchen Lage denn anders gehen?  

          Die Gefahr der Mutation

          Einen interessanten Einblick gibt hier – von Illner allen Ernstes als „Gästin“ begrüßt – die Virologin Melanie Brinkmann, die davor warnt, die jetzigen Beschränkungen zu lockern. Wenn sich die Mutation aus England hierzulande ausbreite, würden die derzeitigen Maßnahmen nicht ausreichen, erklärt sie. In der politischen Kommunikation müsse allerdings nachgeschärft werden. Es gehe bei den Kontaktbeschränkungen etwa nicht in erster Linie um die Zahl der Kontakte, sondern vor allem um konstante Kontakte – immer dieselben Personen könne man treffen, nicht beliebig viele Einzelpersonen. Sie glaubt, es wäre besser, ein striktes langfristiges Ziel zu formulieren, damit nicht immer wieder nachjustiert werden müsse. Ihr schwebt als Richtwert etwa ein R-Faktor von 0,7 vor.

          Illner begleitet all die Ausführungen ihrer Gäste stets mit nervtötenden Zwischenlauten wie „mhm“ oder „okay“, was jedes sinnvolle Sprechtraining den Moderatoren eigentlich abgewöhnen sollte. Sascha Lobo hat derweil seine eigene Agenda und wütet weiter gegen Kanzleramtschef Helge Braun (CDU): „Bis vor 48 Stunden hatten wir die Situation, dass jeder Kinderspaziergang härter durchreguliert war als die Büros der Bundesrepublik.“ Die Corona-Warn-App sei fehlerhaft und viel zu langsam weiterentwickelt worden; aber auch das werde seitens der Regierung nicht nachvollziehbar kommuniziert.

          In einem zweiten Drama-Einspieler des ZDF muss man unterdessen mal wieder etliche Spritzenbilder über sich ergehen lassen. Hat schon einmal jemand darüber nachgedacht, dass es nicht notwendig ist, immer wieder piksende Spritzen auf schwabbeligen Armen zu zeigen, um auf den Vorgang des Impfens aufmerksam zu machen? Es mag Zuschauer geben, die sich das wirklich nicht gerne anschauen.

          Ein riesiger Erfolg?

          Braun lässt sich derweil auf seinen Kritiker Lobo nicht ein, bleibt in seiner lieb dreinschauenden Eigenart so ruhig, dass es fast schon einschläfernde Wirkung hat, und wiederholt gebetsmühlenartig den Standpunkt der Bundesregierung. Man müsse vorsorglich handeln. Impfungen ersetzten Schutzmaßnahmen nicht. Man habe sich entschieden, den Impfstoff in Europa gemeinsam zu bestellen und solidarisch zu agieren. Dass es bereits jetzt, innerhalb so kurzer Zeit, überhaupt schon einen Impfstoff gibt, sei eine riesige Erfolgsgeschichte.

          Das hat auch Angela Merkel immer wieder betont. Und hat sie damit nicht recht? Vor nicht allzu langer Zeit hielten einige Skeptiker es noch für unwahrscheinlich, dass so schnell ein Impfstoff gefunden und zugelassen wird. Aber für Lobo ist diese Äußerung nur ein weiterer Anlass, gegen Braun zu polemisieren. In diesem Ausmaß sei das Selbstlob der Bundesregierung eine Frechheit. Sie habe die Gefährlichkeit des Virus dramatisch unterschätzt, und nun gebe es viel zu wenig Impfstoff.

          Manuela Schwesig (SPD), die als Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern mit 2,8 Prozent der Bevölkerung die bundesweit höchste Impfquote vorweisen kann, zeigt sich „total enttäuscht“, dass nicht genug Impfstoff bestellt worden sei. Sie hätte nicht gedacht, dass die EU hier „zockt“. Der Impfstoff sei schließlich ein Lichtblick in dieser düsteren Zeit. Und sie glaube immer an einen Lichtblick in düsteren Zeiten. Die vielen Tage, die sie mangels Lieferung nun nicht impfen könnten, ließen sich nicht mehr nachholen. Wenn sich die Mutation verbreitet, sei es im Juni dafür zu spät.

          Wichtige Themen werden vergessen

          Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats, wirft schließlich die wichtige Frage auf, wie etwa mit Blick auf Afrika, das in den Diskussionen völlig ins Hintertreffen gerate, eine gerechte Verteilung des Impfstoffs gewährleistet werden kann. Illner stellt die Frage zurück – und dann wird sie vergessen. Schade.

          Hätte das öffentlich-rechtliche Fernsehen in seinem allabendlichen Nachrichtengeschehen noch etwas anderes zu bieten als ausgereizte monothematische Talkshows in ermüdenden Wiederholungsschleifen, wäre auch das ein Lichtblick in finsteren Zeiten.

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