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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Zwischen Zusammenbruch und Sternstunde

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Maybrit Illner Bild: dpa

Der Nato-Gipfel stand kurz vor dem Scheitern. Trotzdem spricht Verteidigungsministerin von der Leyen bei Maybrit Illner von einer Sternstunde. Die Sendung zeigt, mit welchen Abgründen es die deutsche Politik zu tun bekommen könnte.

          Man muss sich nur für einen Moment vorstellen, Oskar Lafontaine (Linke) hätte als Bundeskanzler im Nato-Rat in Brüssel gesessen. Dort hätte er sich statt Ursula von der Leyen (CDU) folgenden Satz des amerikanischen Präsidenten angehört: Wenn die Europäer nicht mehr Geld für die Verteidigung ausgeben, werden die Vereinigten Staaten „ihr eigenes Ding machen.“ Dass diese Formulierung so gefallen ist, bestätigte die Bundesverteidigungsministerin gestern Abend in der Sendung von Maybrit Illner, die sich mit ihrem Gästen dem Nato-Gipfel widmete.

          Zwar wusste Frau von der Leyen nicht, was das jetzt konkret bedeuten sollte. Aber es wurde von einigen Beobachtern als Drohung mit dem Nato-Austritt interpretiert. Was hätte Lafontaine geantwortet? Nach seinen Ausführungen bei Frau Illner zu urteilen, hätte er diesen Schritt begrüßen müssen. Schließlich sind die Vereinigten Staaten für ihn die eigentliche Bedrohung des Weltfriedens.

          Es wäre zudem das Ende der deutschen Unterordnung unter Washington. Wir waren nämlich bisher nicht souverän, so Lafontaine, um selber über Krieg und Frieden zu entscheiden. So könnten die Vereinigten Staaten schließlich nicht mehr ihren hundertjährigen Kampf gegen eine Zusammenarbeit Deutschlands mit Russlands fortsetzen. Washington hätte nämlich seit 1918 versucht, die fruchtbare Kooperation deutscher Technologie mit russischen Bodenschätzen zu verhindern.

          „Sternstunde der Nato“

          Wahrscheinlich hätte Lafontaine seinen Amtskollegen aus Washington beglückwünscht, um als Vertreter Deutschlands in gleicher Weise „sein Ding“ namens Austritt aus der Nato anzukündigen. Diese Vorstellung ist selbstredend „bizarr“, um ein Wort Wolfgang Ischingers aufzunehmen. So charakterisierte der frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt den Ablauf dieses Gipfels, obwohl Lafontaine noch nicht einmal teilnahm.

          Es war absurd, wie Trump mit dramatisierender Rhetorik den Nato-Rat aufmischte, um sich auf der abschließenden Pressekonferenz launig als Sieger auszurufen. Ischinger lobte die Kanzlerin ausdrücklich für ihre „Coolness“, auf diese rhetorischen Eskapaden mit der ihr eigenen Nüchternheit zu reagieren. Frau von der Leyen sah in diesem Gipfel dann auch gleich eine „Sternstunde der Nato“, trotz der nachmittäglichen Meldungen über den drohenden Zusammenbruch des transatlantischen Bündnisses. Dort hätten alle Nato-Mitglieder aus Europa und Kanada die Nato im Gegensatz zu Trump als Wertegemeinschaft verstanden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wird das gerne gehört haben.

          So unternahm die Ministerin den verständlichen Versuch, ein positives Bild (neumodisch „framing“ genannt) von diesem Gipfel zu zeichnen. Ischinger schaute zwar etwas skeptisch angesichts solcher Bemühungen, aber modernes Kommunikationsmanagement entspricht wahrscheinlich nicht den Erwartungen eines mit den Regeln der klassischen Diplomatie sozialisierten Diplomaten. Jenseits dessen machte die Verteidigungsministerin auf einen wichtigen Punkt aufmerksam. Sie warnte vor der polternden Rhetorik dieses Präsidenten via Twitter als leicht durchschaubare Strategie. Wir wüssten „inzwischen wie dieser Präsident agiert. Er wirft Halbsätze in die Arena, um Unsicherheit und Aufregung zu schaffen.“

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