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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Bedingt abwehrbereit

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Digital komplett kompromittiert

IT-Jurist Peter Hense illustriert die Folgen: Der Großteil der offengelegten Daten sei immer noch online zugänglich und kein dem Innenministerium unterstelltes Bundesamt könne durch kräftiges Augenzwinkern daran etwas ändern. Die Betroffenen seien digital komplett kompromittiert, sagt Hense.

Der Blick weitet sich nun auf Herausforderungen des Superwahljahres 2019. Anke Domscheit-Berg warnt, es werde Versuche geben, auf die Wahlen Einfluss zu nehmen. Ranga Yogeshwar plädiert für Richtlinien. Davon werden sich die Cyber-Landsknechte von heute aber nicht abschrecken lassen.

Deutschland habe Glück gehabt, sagt Miriam Meckel, das sei nur ein junger Amateur gewesen, es hätte schlimmer sein können. An der Verharmlosung G0ds gibt es inzwischen begründete Zweifel, wie Markus Beckedahl bei Netzpolitik mitteilt.

Vollendeter Hohn

Stephan Mayer verwahrt sich gegen Ranga Yogeshwars Idee einer Fürsorgepflicht staatlicher Behörden. Er sieht in der Idee eine Vollkasko-Mentalität. Das ist ein interessanter Vergleich: Öffentliche Sicherheit wird nicht mit Policen verkauft. Es gibt auch keinen Schadensfreiheitsrabatt. Der Selbstbehalt geschädigter Bürger liegt bei hundert Prozent des erlittenen Schadens. Mayers Vorwurf ist vollendeter Hohn. In einer Nebenbemerkung räumt er eine weitere Schwachstelle ein: Das sogenannte Cyberabwehrzentrum arbeite bisher nicht rund um die Uhr, sondern nur fallweise. Hacker und Doxer halten sich natürlich an die Arbeitszeitvereinbarungen in obersten Bundesbehörden.

G0ds Doxing-Attacke erlaubt einen Blick auf ein weiteres Feld, das durch Dokumentendiebstahl an Brisanz gewinnt. In den Vereinigten Staaten nennt man es „identity theft“. Damit geht der Täter nicht zu einem Psychotherapeuten, sondern zur Bankfiliale und an das Aktiendepot seines Opfers, kauft in dessen Namen seltsame Dinge oder sendet kompromittierende Botschaften an Dritte.

Grenzen der Anonymisierung

Politisch, das wird immer deutlicher, geht es um die Frage, wie das Verhältnis zwischen öffentlich und privat neu ausgehandelt werden kann. Technisch wäre die Frage weiter zu fassen: Wo setzen öffentliche Sicherheitsinteressen privater Anonymisierung Grenzen? Yogeshwar erwähnt mit dem chinesischen Punktesystem Citizen Score die bislang weitestgehende Unterwerfung privater unter öffentliche Interessen.

Die EU-Kommission, berichtet Yogeshwar, sei dabei, eine Richtlinie für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz vorzubereiten, und habe am 18. Dezember ein Papier in Verkehr gebracht, zu dem sie bis zum 18. Januar um Stellungnahmen bittet. Mit anderen Worten: Sie will die kritische Öffentlichkeit bei einem sensitiven Thema umgehen.

Ist demokratische Kontrolle von KI überhaupt noch möglich?

Als digitalen Zivilschutz schlägt Frau Domscheit-Berg ein gemeinwohlorientiertes Netzwerk vor, das sich nicht durch Werbungsverkauf finanziert. Das wäre ein auf open source beruhendes Geschenk Europas an die ganze Welt. Sie denkt infrastrukturell, während Staatssekretär Mayer an mündige Bürger appelliert, die sich auch durch trickreiche Fakevideos nicht in die Irre führen lassen.

Das Dilemma lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Es fehlen zigtausende IT-Fachkräfte allein in Deutschland. Yogeshwar erwähnt, dass Google DeepMind Informatikern im Durchschnitt 300.000 Dollar jährlich zahlt. Damit ist das Problem benannt: Ist demokratische Kontrolle über den nächsten Entwicklungssprung der Künstlichen Intelligenz überhaupt noch möglich?

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