https://www.faz.net/-gqz-9tj3h

TV-Kritik „Markus Lanz“ : Als wär’s ein Stück von ihr

  • -Aktualisiert am

Klara Geywitz und Olaf Scholz kandidieren gemeinsam für den SPD-Parteivorsitz. Bild: AFP

Wer hätte das gedacht, dass ein neuer Popsong und eine Krebsdiagnose einem Kandidatenpaar für den SPD-Vorsitz zu Rückenwind verhelfen?

          4 Min.

          Das Liedgut der Sozialdemokratie steht nicht auf der Hitparade. Ein Weltklassepianist spielte kürzlich die Internationale, als sei sie ein Impromptu von Franz Schubert. Olaf Scholz und Klara Geywitz sind das prosaische Kandidatenpaar, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken das neoromantische. So könnte das Fazit einer Talkshow lauten, die nicht unter dem Verdacht steht, als politisches Format zu gelten. Das liegt am Gastgeber, der dafür berüchtigt ist, Pointen tot zu reiten.

          Ein Wunder, dass er das bei Olaf Scholz und Klara Geywitz nicht noch mal gebracht hat! Markus Lanz begrüßt sie als ein Paar, das keins sei, und verniedlicht die Suche der SPD zu einer Tinderaffäre. Mit Seitensprüngen oder einem One-Night-Stand aber wird die Sozialdemokratie nicht noch einmal aus der Malaise finden, in die sich geritten hat. An Scholz erstaunt an diesem Abend die Angriffslust. Dem Scholzomat hätte man das nicht zugetraut.

          Hadern mit dem eigenen Laden

          Uncharmant erinnert Lanz an das Zitat eines brandenburgischen Parteifreundes, Frau Geywitz könnte von ihrer zwischenmenschlichen Wärme her auch eine 10.000er-Geflügelfarm leiten. Das ist eine Bosheit, die auf ihren Urheber zurückfällt, weil er mit seinem Angriff den eigenen Laden zu einem Hühnerhaufen erklärt. Das Hadern mit dem eigenen Laden ist der SPD seit jeher vertraut. Wenn sie ihre Streitlust endlich wieder politisch justierte und auf die richtigen lenkte, könnte sie aus dem Abseits herausfinden.

          Olaf Scholz ist nicht für Gefühlswallungen berüchtigt, komisch, dass er sich zu Beginn der Sendung am Bauch kitzelt. Oder störte ihn das Mikrofonkabel? Als SPD-Beobachter und Sidekick hat Lanz den Spiegelredakteur Markus Feldenkirchen eingeladen, der das Schisma der Wahl, vor der die Partei steht, trocken resümiert: der Chef dürfe kein Freak sein, aber auch nicht Teil der gescheiterten Parteielite. Das ist ein Frontalangriff auf Scholz.

          Ein Bändigungsangebot

          Aber weil der Gastgeber zu sehr an seinem Laufzettel klebt, greift er das nicht auf, sondern lässt den Schmetterball ins Leere laufen. Vergeblich will Lanz herausfinden, wer wen warum wann angerufen hat, was völlig egal ist. Bemerkenswert ist, dass die Sozialdemokratie sich dazu aufgerafft hat, so kompliziert nach einer neuen Führung zu suchen, die ihren Job nicht alsbald wieder hinschmeißt. Die Doppelspitze ist ein Bändigungsangebot an den flügelschlagenden Hühnerhaufen.

          Feldenkirchen, der mit seinem Buch über den gescheiterten Hoffnungsträger Martin Schulz politische Nostalgie aus dem Jahr 2008 nährt, vermisste im Sommer dieses Jahres einen deutschen Obama. Das ist ein Formatierungsfehler. Der Popstar Obama hat sich selbst entzaubert. Natürlich hat er unvergessliche Spuren hinterlassen. Bewegende Nekrologe, wie zuletzt auf den Parteifreund Elijah Cummings, beschreiben aber nicht die maßgebliche Herausforderung für die neue Führung einer Partei, auf die schon zu viele Nachrufe zu Lebzeiten geschrieben worden sind.

          Die Zukunft der SPD verträgt es nicht, wenn ihre Führungskandidaten sich über die Vergangenheit der Partei ärgern. Das ist das Handicap von Walter-Borjans und Esken. Feldenkirchen kritisiert, Scholz habe das Stimmungstief der SPD nicht gedreht. Vielleicht sollte er sich mal genauer anschauen, wie das Stimmungstief der CDU aussieht, die im Wettbewerb um miese Stimmung die Nase weit vorn hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein regierungskritischer Demonstrant und Polizisten stoßen während eines Protests in Beirut zusammen.

          Libanon : Zusammenstöße bei Protesten in Beirut

          Kurz bevor die Beratungen zur Neubesetzung des Ministerpräsidenten-Posten beginnen, ist es in der libanesischen Hauptstadt zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.