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TV-Kritik „Markus Lanz“ : Das große Mitleid mit Martin Schulz

  • -Aktualisiert am

Nur ist Schulz de facto nicht mehr Parteivorsitzender. Und es ist eben gerade nicht nachvollziehbar, warum sich Frau Nahles und Scholz mit diesem Außenminister der Hoffnungslosigkeit belasten wollen. Schulz hat seine persönliche Glaubwürdigkeit als sein wichtigstes politisches Kapital verspielt. Muss ihm das wirklich erst ein Parteivorsitzender der Grünen erklären? Martin Schulz hatte seine Chance, er hat sie nicht genutzt. Auf dieser Grundlage kann niemand das Auswärtige Amt für sich beanspruchen.

Der Mann, der ihm diese Chance vor einem Jahr verschaffte, weiß das aber in seiner ihm eigenen Art zu formulieren. „Für mich beginnt jetzt eine neue Zeit“, so Gabriel in besagtem Interview, um anschließend vom morgendlichen Familienrat zu berichten: „Meine kleine Tochter Marie hat mir heute früh gesagt: ,Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“ Den Mann mit Bart hat Gabriel selbst in diese Funktion gebracht. Er wolle auch Außenminister werden, um mehr Zeit mit Marie zu verbringen, so hieß es vor einem Jahr. Immerhin war das eine originelle Begründung, die zwar niemanden überzeugte. Martin Schulz hat aber mittlerweile noch nicht einmal mehr das anzubieten.

„Zum Aufgeben ist es zu spät!“

Habeck hat offensichtlich die Repräsentationslücke erkannt, die angesichts einer orientierungslosen Sozialdemokratie auf der linken Mitte entstanden ist.  Er will die „respektable“ Große Koalition nicht polemisch attackieren, sondern vielmehr zu einem Gespräch über Alternativen einladen. So formulierte er das auch bei Markus Lanz.

Das ist etwas anderes als das Volksfrontgetöse etwa einer Sahra Wagenknecht bei den Linken. Diese nennt das nur Sammlungsbewegung. Mit seiner unaufgeregten Art will Habeck seiner Partei Optionen offenhalten. Die Grünen, so das Kalkül, könnten damit zur Bedrohung für eine zunehmend weniger respektable Sozialdemokratie werden. Damit erscheint diese Strategie als das Spiegelbild einer FDP, die den natürlichen Hegemonieanspruch der Union im bürgerlichen Lager ebenfalls nicht mehr akzeptieren will. In den Niederlanden ist es den liberalen Flügelparteien übrigens schon gelungen, die frühere Dominanz von Christ- und Sozialdemokraten zu brechen.

Am Ende seiner Sendung stellte Markus Lanz noch einen Gast vor, der mit Politik nichts zu tun hat. Es ist schließlich keine politische Talkshow, sondern Lanz bietet vor allem ein Forum zur Selbstdarstellung. Jemand wie Robert Habeck weiß das natürlich zu nutzen. Dieser Gast Timo Ameruosu berichtete über sein Schicksal. Als Sechzehnjährger hatte er einen Unfall, der ihn in den Rollstuhl zwang. Heute arbeitet er als „Pferde-Mediator.“ In einem Buch berichtet er über seinen Lebensweg, den er einem Motto voranstellte: „Zum Aufgeben ist es zu spät!“

Politisch sollten sich die Sozialdemokraten daran allerdings kein Vorbild nehmen. Denn wenn Schulz nicht aufgibt, ist noch nicht einmal der Ausgang der Mitgliederbefragung sicher. Es wird nämlich der Punkt kommen, wo dessen persönlicher Glaubwürdigkeitsverlust zum politischen Desaster für seine Partei zu werden droht. Viel fehlt schon nicht mehr, bis dieser Punkt erreicht sein wird.

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