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TV-Kritik „Markus Lanz“ : Das große Mitleid mit Martin Schulz

  • -Aktualisiert am

„Mann mit Haaren im Gesicht“

Die „Welt“-Journalistin Claudia Kade beschrieb bei Markus Lanz das Problem von Schulz treffend in wenigen Worten. Er trat immer „so kategorisch auf.“ Ob er nun eine Große Koalition ausschloss oder die Übernahme eines Ministeramts. Schulz wollte immer authentisch sein, und verstrickte sich anschließend in heillose Widersprüche.

Der „Spiegel„-Redakteur Markus Feldenkirchen durfte diese Ratlosigkeit im Bundestagswahlkampf aus nächster Nähe beobachten. Es gehört zu den Legenden dieses Wahlkampfs, dass Schulz Vorgänger im Amt des SPD-Parteivorsitzenden ihm „Knüppel zwischen die Beine“ geworfen habe. Dafür brauchte man keinen Sigmar Gabriel. Schulz war über seine eigenen Füße gestolpert, das ging auch ohne fremde Hilfe. Das fand seine Fortsetzung nach der Wahl. Der SPD-Parteivorsitzende scheute keine Neuwahlen, so sagte er, vermied sie aber trotzdem. Anschließend versuchte er den Bundespräsidenten für seine Volten in Anspruch zu nehmen.

Gabriel wirft Schulz Wortbruch vor

Leider konnte Lanz bei der Aufzeichnung der Sendung die jüngsten Entwicklungen leider noch nicht berücksichtigen. Gabriel gab der Funke-Mediengruppe ein denkwürdiges Interview. Er bedauerte die Respektlosigkeit des „Umgangs miteinander in der SPD“ und „wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt.“ Gabriel hatte vor einem Jahr zugunsten von Schulz auf den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur verzichtet. Er nutzte die Wahl des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten zur Ämter-Rochade, um vom Wirtschafts- in das Außenministerium zu wechseln. Schulz wollte seine Kanzlerkandidatur nicht als Regierungsmitglied betreiben, wie sich vielleicht noch jemand erinnert. Offensichtlich gab es aber damals eine Zusage von Schulz, Gabriel könne bei einer Fortsetzung der Großen Koalition weiterhin im Auswärtigen Amt residieren. Darauf beruft sich Gabriel heute. Er verweist dabei zudem auf seine Popularitätswerte.

Habeck wies aber bei Lanz auf die Wahrnehmung von Außenministern bei den Wählern hin. Diese werden nicht parteipolitisch betrachtet, sondern gelten als eine Art „Bundespräsident auf Reisen.“ Die Popularität strahlt daher nicht auf die Partei aus, welcher der Außenminister angehört. Nur ist das nicht noch nicht einmal das zentrale Problem von Gabriel. Er reklamiert vielmehr das Versprechen eines Mannes, der nichts mehr von dem halten kann, was er irgendwann versprochen haben könnte. Schulz ist in der SPD irrelevant. Das weiß auch Gabriel. In Wirklichkeit wollen nämlich die designierte Parteivorsitzende Andrea Nahles und der designierte Vizekanzler Olaf Scholz den früheren Parteivorsitzenden nicht mehr in einer herausgehobenen Position sehen. Letzterer versicherte treuherzig im Interview mit Marietta Slomka im „heute journal“, Schulz sei jemand, der „leidenschaftlich Außenpolitik und Europapolitik betrieben“ habe. Daher sei seine Entscheidung als Parteivorsitzender, künftig das Amt des Außenministers zu bekleiden, „sehr nachvollziehbar.“

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