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TV-Kritik „Maischberger“ : So viel Lockdown wie nötig, so viel Freiheit wie möglich

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bei Sandra Maischberger Bild: WDR/Oliver Ziebe

Die Furcht um die wirtschaftliche Existenz wird größer. Doch während die Kanzlerin von schädlichen „Öffnungsdiskussionsorgien“ spricht, ging es bei Sandra Maischberger überraschend gehaltvoll um den Wert der Freiheit.

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          Wurde der Wirtschaftseinbruch unterschätzt? Fünfeinhalb Wochen nach der Verhängung rigider Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie droht die Stimmung in Deutschland zu kippen. Der Rückhalt für das medizinisch wohl Notwendige scheint aus Furcht um die wirtschaftliche Existenz zu bröckeln. Galt im März noch Warnungen vor einer Überlastung des Gesundheitssystems große Aufmerksamkeit, versetzen nun Unternehmen und ihre Verbände die Öffentlichkeit in mindestens ähnlich große Sorge.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Angst in den Unternehmen vor dem Untergang schlägt in tiefe Verzweiflung und mitunter auch in Fassungslosigkeit um, wenn existenzielle Entscheidungen im Wochentakt vertagt werden“, hieß es am Mittwoch in einem Brandbrief aus verschiedenen Branchen an Bundeskanzleramtschef Helge Braun (CDU). Jede Woche, die der Lockdown weiter andauert, koste die deutsche Volkswirtschaft einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag an Wertschöpfung. Ein hochrangiger Verbandsvertreter warnt vor 50.000 Insolvenzen allein im Einzelhandel. Die Botschaft: Weitere Lockerungen müssen her und zwar sofort.

          Dass der Wohlstandsverlust sehr groß sein wird, leugnet mittlerweile zwar auch in Berlin niemand mehr. Minus 6,3 Prozent Wachstum sind laut Bundesregierung für dieses Jahr zu erwarten – so viel nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Den Rufen nach stärkeren Lockerungen etwa aus der Gastronomie gibt die Politik aber nur zögerlich nach. Er wollte schon bei Ausbruch der Krise nicht jenen folgen, die sagten, die Wirtschaft müsse laufen und alles übrige sei nachrangig – und sei auch jetzt noch dieser Meinung, stellte Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) am Mittwochabend in der Fernsehsendung von Sandra Maischberger klar.

          Herdenimmunität sei keine Option

          Damit war, so souverän Scholz die Position der Bundesregierung in dieser Sendung auch vertrat, des Pudels Kern in der Diskussion allerdings nicht erfasst. Der Virologe Alexander Kekulé brachte es besser auf den Punkt. Er forderte ein „klares Übergangskonzept“, mit dem einerseits Leben geschützt, aber eben auch die Wirtschaft aus dem harten Lockdown in Richtung Normalität überführt wird. „Wir machen uns was vor, wenn wir glauben, dass wir Tote verhindern können“, sagte Kekulé. Schließlich sei ein Impfstoff frühestens in einem Jahr verfügbar. Er sprach sich für Masken und den gezielten Schutz von Risikogruppen aus, zudem sollten die Infektionsketten systematisch nachverfolgt werden.

          Scholz wäre aber nicht Scholz, wenn er dem nichts entgegenzusetzen hätte. In hanseatischer Manier auch diesmal wieder der nüchternste aller Studiogäste, erklärte er plötzlich ungewohnt erregt, dass er gerne eine Stunde darüber referieren könne, wie sorgfältig sich die Vertreter von Bund und Ländern Gedanken über weitere Lockerungen machten. Man könne das Virus nicht gänzlich aus der Welt schaffen, aber die von Kekulé und anderen geforderte Herdenimmunität sei ebenfalls keine Option. Ob und wie eine weitere Lockerung in den derzeit stillgelegten Wirtschaftszweigen möglich ist, werde man bald kommunizieren, versprach Scholz. Klar müsse nur sein: So sehr auch er für Eigenverantwortung sei, bedeute Freiheit nun mal, die Freiheit der anderen nicht zu beeinträchtigen.

          Freiheit und Optimismus höher einstufen

          Der Moderatorin Maischberger war es zu verdanken, dass das Freiheits-Argument an diesem Abend auch sonst nicht bloß floskelhaft fiel. Gleich zu Beginn fragte sie, ob man denn mehr Freiheit wagen könne und solle. Stark dafür aus sprach sich der Produzent und Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt, anders als Kekulé und die ebenfalls anwesende Journalistin Cerstin Gammelin („Süddeutsche Zeitung“) kein Dauergast in den politischen Talkshows. Die jüngste Äußerung von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), wonach einzig die Würde des Menschen unantastbar sei, das Grundrecht auf Leben aber Grenzen kenne, habe er als „eine Art Befreiung“ erlebt, so Meyer-Burckhardt.

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