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TV-Kritik: „Maischberger“ : Zu viel des Guten

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Sandra Maischberger (Mitte) in ihrer ersten Sendung des neuen Jahrzehnts mit den Gäste: Ferdos Forudastan, Gabor Steingart, Ranga Yogeshwar, Pinar Atalay (v.l.) und Wolfgang Schäuble (nicht im Bild) Bild: WDR/Max Kohr

Sandra Maischbergers erste Sendung 2020 gerät zum wilden Ritt durch die Themen: Von den britischen Royals zu den iranischen Mullahs, von Buschbränden bis zum Dschungelcamp kommt alles vor. Mit teils erschreckenden Folgen.

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          Sandra Maischberger ist mit ihrer Sendung „Maischberger. Die Woche“ aus der Winterpause zurück – und einen Mangel an Themen gibt es für die erste Ausgabe im neuen Jahrzehnt wahrlich nicht: Zuerst lässt Amerikas Präsident Donald Trump den iranischen General Qassem Soleimani töten, dann schießt das Regime in Teheran eine ukrainische Passagiermaschine vom Himmel. Droht ein Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Iran? Derweil wüten in Australien verheerende Waldbrände. Tausende Menschen mussten fliehen, eine Milliarde Tiere sollen verendet sein. Sehen wir hier die brutalen Folgen des Klimawandels? Es sind lediglich zwei Themen – und es muss wohl zwangsläufig eine heiße Sendung werden.

          Doch Sandra Maischberger und ihre ausgewählten Kommentatoren – Pinar Atalay von den Tagesthemen, die Innenpolitik-Chefin der Süddeutschen Zeitung, Ferdos Forudastan, und der Journalist Gabor Steingart – wählen zur Eröffnung lieber ein anderes Thema: den Megxit. Ganz recht, die Sendung, die vermeintlich „die aktuellsten und gesellschaftlich relevantesten Themen“ beleuchtet, startet mit der Meldung, dass Prinz Harry und seine Frau Meghan künftig nicht ausschließlich in Großbritannien bei der königlichen Familie, sondern auch in Kanada leben wollen. Pinar Atalay feiert diesen Umstand als Emanzipation junger Menschen, Gabor Steingart erkennt in dem Umzugsvorhaben gar den Triumph der bürgerlichen Gesellschaft. Sandra Maischberger gelingt es tatsächlich, in solch einer Woche als Erstes auf die Royals zu sprechen zu kommen. Sei es drum.

          Aber erfährt der Zuschauer denn von Frau Maischberger und ihren Kommentatoren etwas Neues? Was steckt hinter dem Umzug? Was sind die Folgen für die britische Monarchie? Wird sie gar beschädigt? Doch solche Fragen werden nicht gestellt – und bleiben somit selbstredend offen. Denn nach zwei, drei Sätzen sind wir bereits beim nächsten Thema: das PR-Fiasko von Joe Kaeser – oder wie der Siemens-Chef versuchte, die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und die Fridays-for-Future-Bewegung für seine Zwecke zu instrumentalisieren und ihr einen Aufsichtsratsjob anbot. Und auch hier erschöpft sich die Analyse der Maischberger-Runde in zwei, drei kurzen Statements. Frau Forudastan attestiert Kaeser einen Black-Out, Herr Steingart sieht das Aus Kaesers als Siemens-Chef gekommen.

          Personaldebatten statt Sachthemen

          Als wisse man nun wirklich genug über dieses Thema, greift Frau Maischberger freudig das Stichwort Nachfolger auf, um schon das nächste Thema anzuschneiden: der Vorschlag des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder, einige Minister der Bundesregierung auszutauschen, um so der Großen Koalition in Berlin neuen Schwung zu verleihen. Wer könnte auf die regierenden Minister folgen? Es folgt eine wilde Namensaufzählung (vom Verkehrsminister über die Ressorts Innen, Wirtschaft und Außen) – jeweils ohne tiefergehende Begründungen.

          Dann endlich tritt der erste separate Studiogast auf: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Gabor Steingart hatte Schäuble gerade noch als seinen Kanzler der Reserve bezeichnet, so dass Frau Maischberger tatsächlich nichts Besseres einfällt, als den Bundestagspräsidenten zu fragen: Kanzler der Reserve – gilt das? Es ist Schäubles Souveränität zu verdanken, dass dieser Quatsch schnell ein Ende hat, in dem er gelassen darauf hinweist, nun nicht die anwesenden Kommentatoren zu kommentieren.

          Doch Sandra Maischberger meidet auch weiterhin Sachthemen und bevorzugt Personaldebatten. Nach den Pärchen Harry und Meghan, sowie Kaeser und Neubauer kramt die Moderatorin nun tatsächlich die vorvorgestrige Diskussion um den CDU-Vorsitz aus der Mottenkiste. Warum sich der sonst so präsidiale Schäuble damals so vehement für Friedrich Merz eingesetzt habe, will Frau Maischberger auch 2020 noch wissen. Als Schäuble die bekannten Antworten gibt, hakt Maischberger nach. Scheinbar auf der Suche nach etwas Neuem will sie von Schäuble wissen, ob es Deutschland mit der CDU-Vorsitzenden Annegret Kamp-Karrenbauer nun schlechter gehe. Doch Schäuble blockt diese Nachfrage – wie auch die folgenden vier Nachfragen – unaufgeregt ab, versehen mit dem Hinweis, dass es besser sei, wichtige Sachthemen zu diskutieren statt sich mit Personaldebatten aufzuhalten.

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