https://www.faz.net/-gqz-9hdkt

TV-Kritik: „Maischberger“ : Wenn die alte Flamme vor der Tür steht

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen über die Nachfolge von Angela Merkel. Bild: WDR/Max Kohr

Der Countdown läuft. Wer macht in der CDU das Rennen? Welche Folgen hätte ein Kurswechsel? Viel Stoff für wilde Spekulation bei Sandra Maischberger.

          Die Redaktion von Sandra Maischberger verbreitet vor der Ausstrahlung der Sendung einen O-Ton Norbert Blüms, der die Lage unfreiwillig komisch charakterisiert: „Ich finde es gut, dass er (Wolfgang Schäuble) nun sein Visier runter gelassen hat. Strippenziehen ist nicht mein Geschmack.“ Wer sein Visier runter klappt, verbirgt sein Gesicht. Welches Ziel Wolfgang Schäuble tatsächlich verfolgt, ist nicht so klar, wie Norbert Blüm es annimmt. Daher ist sein O-Ton weiser als gesacht (sic!).

          Jens Spahn ist beiseite geschoben, nicht mal unter „ferner liefen“ Thema. Wird er, wenn Merz gewinnt, sein Generalsekretär? Das wäre, einen Tag nach Nikolaus, zu viel im Gabenstrumpf der Konservativen in der CDU. Die Modernisierung der Partei unter der Vorsitzenden Merkel wird nicht rückabgewickelt. Wer diesen Traum verfolgt, bräuchte Nachhilfe in politischer Mengenlehre.

          Politik nicht mit Nostalgie verwechseln

          Das letzte Mal, dass die SPD in einem basisdemokratischen Prozess zu einem neuen Vorsitzenden fand, liegt 25 Jahre zurück. Der Aufwand war für die Katz. Rudolf Scharping wurde zwei Jahre danach weg geputscht. Die Regionalkonferenzen der CDU sind ein erprobtes Führungsinstrument, mit dem die Partei Zustimmung unter gegenläufigen Bedingungen organisiert. Am deutlichsten war das im Jahr 2011 zu beobachten, als Frau Merkel für ihren Euro-Kurs auf Tournee ging.

          Manche Widersacher, die damals ihre Stimme erhoben, sind seither bei der AfD gelandet, weil sie in der eigenen Partei nicht mehrheitsfähig waren. Sie sind aus der Zeit gefallen. Die Vorstellung, sie zurückzuholen, kann ernsthaft keiner wünschen, der die derzeitige Pole Position der CDU erhalten will. Auch der schönste Altruismus, wie ihn die einstige Familienministerin Kristina Schröder vorträgt, dass Friedrich Merz als Parteiführer auch die SPD, die Grünen und die Linke wieder aufblühen ließe, bezeugt ein Wunschdenken, das Politik mit Nostalgie verwechselt.

          Katzenjammer garantiert

          Norbert Blüms Favoritin ist Annegret Kramp-Karrenbauer, sie könne die Partei zusammenhalten. Frau Schröder legt sich nicht fest, lässt aber kaum Zweifel daran aufkommen, dass Friedrich Merz ihr Favorit sein dürfte. Wenn die alte Flamme plötzlich vor der Tür steht, fangen nicht nur ältere Semester wieder an zu schwärmen. Sie scheinen Rhetorik mit Politik zu verwechseln. Dabei hat das vage politische Reden der Bundeskanzlerin vier Bundestagswahlen für die CDU entschieden. Das „klare Kante“-Programm des Leipziger Parteitags 2003 hat Norbert Blüm und zeitweise auch Horst Seehofer ins Abseits gedrängt. Wer diesen Ton aus der Wiedervorlage rausholt in der Hoffnung, sechzehn Jahre später damit zu reüssieren, garantiert politischen Katzenjammer.

          Schäubles Votum für Merz wirkt wie die Hoffnung auf ein Interregnum, das ihn selbst ins Kanzleramt bringen könnte. Sein Ehrgeiz glüht. Melanie Amann versteht das Votum als Indiz dafür, dass die Unterstützer von Merz das Rennen für unentschieden halten. Kommt es deshalb tatsächlich auf die Show auf dem Parteitag an? Wird Merz durch eine mitreißende Rede die Lage drehen? Die Bürgermeisterin aus dem Saarland, wie Gabor Steingart spöttisch AKK nennt, verfügt übrigens über ein ähnliches strategisches Talent, wie es Lafontaine einmal besessen hat.

          Dreigeteilt niemals!

          Der Politikwissenschaftler Werner Patzelt ist gewiss kein Freund Angela Merkels. Man kann vermuten, dass er Merz favorisiert, aber er ist vorsichtig genug, die Qual der Wahl zu loben und vor anschließendem Streit zu warnen. Schröder lobt die drei Flügel der Union mit solcher Emphase, dass vor dem inneren Auge des Zuschauers das antike Mischwesen einer Chimäre auftaucht, die es nicht zulassen kann, dass eines ihrer drei Wesen sich gegen die beiden anderen durchsetzte. Es würde sie zerreißen. Das ist die Kalkulation der Kandidatin AKK. Deshalb zeigt sie sich in ihrem Wahlkampf anschlussfähig für alle Flügel.

          Gludernde Lot

          Die Euphorie der alt gewordenen Recken des Andenpaktes, doch noch einmal eine Chance zu erhalten, erinnert an Edmund Stoibers Beschwörung der "gludernden Lot, eh, der lodernden Glut". Sollte Friedrich Merz an AKK scheitern, wären sie nur für einen Schwelbrand des Missvergnügens gut. Damit gestaltet man keine Politik.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unterstützer von Meng Wanzhou demonstreiren vor dem Gericht in Vancouver für die Freilassung der Huawei-Finanzchefin.

          Kanadisches Gericht : Huawei-Finanzchefin kommt gegen Kaution frei

          Der Richter in Vancouver sah keine große Fluchtgefahr: Meng gibt ihren Pass ab, trägt eine elektronische Fessel und hinterlegt umgerechnet zehn Millionen Euro Kaution. Trump hat angekündigt, sich eventuell in das Verfahren einzuschalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.