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TV-Kritik: Maischberger : Warten auf den Knick

Sandra Maischberger und ihre Gäste zum Thema Coronavirus-Krise Bild: WDR/Max Kohr

Ein Ende des „Shutdowns“ ist nicht absehbar: Bei Sandra Maischberger diskutieren Mediziner, ob das Coronavirus als Gefahr für Junge verharmlost wurde und ob die Zahl der Infizierten eigentlich mehr als sieben Mal so hoch sein könnte.

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          Wie schnell sich im Moment die Faktengrundlage im Kampf gegen das Coronavirus ändert, gestand SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach gleich zu Beginn ein. „Es könnte ein Fehler gewesen sein, dass wir gedacht haben, es ist bei jungen Menschen nur eine leichte Grippe”, sagte er in der Talkshow von Sandra Maischberger. Lauterbach selbst war dieser Annahme in der Vergangenheit auch gefolgt und hatte sie geäußert. Das Bild der „leichten Grippe“, so Lauterbach, könnte dazu geführt haben, dass insbesondere junge Menschen das Virus unterschätzten und deshalb Abstandsregeln nicht befolgten. Neue Studien zeigten jedoch, dass auch ein zunächst schwacher Verlauf spätere schwere Folgen für die Lungen haben könnte. 

          Timo Steppat
          Redakteur in der Politik.

          Immer neue Erkenntnisse werden über das noch immer junge Virus gemacht. Susanne Herold, Professorin für Virologie der Universität Gießen, war zunächst zurückhaltend, was die Entwicklung der Sterblichkeitsrate betrifft. In Italien etwa werde wenig getestet, was zu weniger Diagnosen und insgesamt zu einer verhältnismäßig hohen Zahl von Toten bezogen auf die Infizierten führe – die Sterblichkeitsrate liegt bei vier Prozent. In Südkorea hingegen, wo viel getestet werde, liege die Sterblichkeit nur bei 0,8 Prozent. Südkorea gilt als Positivbeispiel dafür, wie das Virus eingedämmt werden konnte. Die Zahl der Infizierten steigt dort vorerst nicht mehr.

          Ähnlich schwierig zu beantworten ist für die Mediziner der Runde – darunter auch der Intensivmediziner Uwe Janssens – die Frage, wie hoch die Zahl der Infizierten tatsächlich ist. Lauterbach sagt, es könnten sieben bis zehn Mal mehr sein als die aktuell bekannte Zahl. Bis zum Wochenende rechnet er mit einer Verdoppelung der offiziellen Fallzahl. 

          Noch gibt es genügend Betten und Material

          Uwe Janssens, Chefarzt einer Intensivmedizin im besonders stark betroffenen Landkreis Heinsberg, lobte die hohe Zahl von Intensivbetten in Deutschland, wodurch die Behandlung der schweren Corona-Fälle bislang gut möglich sei. Während es in Italien nur 8,4 Intensivbetten pro 100.000 Bürger gebe, so Janssens, seien es in Deutschland 34. Dass die Politik nicht akute Operationen untersagt habe, setze zusätzliche Kapazitäten frei – etwa 10.000 Beatmungsgeräte, die sonst bei Eingriffen genutzt werden.

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          „Die nächsten eineinhalb Wochen können wir schaffen“, sagte Janssens bezogen auf die Versorgung schwer Erkrankter. Es ist fast ein Moment der Zuversicht. „Aber die Abflachung muss kommen“, sonst gebe es ein Problem. Steigt die Zahl der Infizierten wie bisher, könnten Schutzmasken und Schutzkleidung für medizinisches Personal noch schneller knapp werden. Gehe es so weiter wie bisher, reiche es in seinem Krankenhaus für die kommenden zwei Wochen noch aus. Aber die Politik müsse ihr Versprechen umsetzen, mehr Schutzmaterial zu beschaffen. 

          Misstrauen haben die drei Mediziner gegenüber den Abstrichtests, die derzeit vor allem durchgeführt werden. „Da würde ich nicht drauf vertrauen“, sagt Lauterbach sehr entschieden. Es handele sich um eine „sehr wackelige Geschichte“, denn im Rachen, wo der Abstrich genommen wird, seien die Viren beispielsweise nur eine gewisse Zeit nachweisbar. Mit einer Computertomographie erziele man sehr viel eindeutigere Ergebnisse, sagte Intensivmediziner Janssens. 

          Ministerpräsident am Rande

          Mit gebotenem Abstand saß Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, am Rande. An ihn richtete sich die Frage, wie lange die Abschottung noch anhalten müsse. Wie schon zuvor sprach auch er davon, dass ein Abflachen der Kurve nötig sei, um die Krankenhäuser nicht zu überlasten und allen Erkrankten angemessen helfen zu können. Laschet verwies immer wieder auf das Ende der Osterferien, in NRW am 19. April. Rund um dieses Datum werde man die Maßnahmen überprüfen und entscheiden, wie man weiter verfahre.

          An anderer Stelle sagte er, sobald es einen „Knick“ in der Kurve der neu Infizierten gebe, müsse man über das weitere Vorgehen entscheiden. Wann es den gibt, das konnte keiner in der Runde prophezeien. Auf die Frage, wieso es keine Ausgangssperre gebe, sagte Laschet, man habe in der Krise schon jetzt „vier, fünf Grundrechte“ eingeschränkt. „Die Maßnahmen, die wir jetzt beschlossen haben, wirken erst in ein oder zwei Wochen.“

          Gegen „Herdenimmunisierung“

          Die Herangehensweise der Niederlande, die anders als Deutschland auf eine Form der „Herdenimmunisierung“ setzen, bezeichnete Laschet als interessant. In Deutschland habe man das nur kurz geprüft, so der Ministerpräsident. Er lehnt den Weg der Niederlande ab, bei dem Risikogruppen wie Ältere noch stärker geschützt werden und man auf eine Infektion der Jungen abzielt, bis es zu einer Immunisierung der Gesellschaft gegen die Krankheit Covid-19 kommt. Auch  Virologin Herold lehnte das niederländische Vorgehen ab: „Das Risiko ist zu groß. Wir wissen zu wenig über den Verlauf der Krankheit.“ 

          Am Schluss der Sendung, die zwischen dem Verstehen des Coronavirus und der Auseinandersetzung mit den getroffenen Maßnahmen pendelte, ging es um die verheerenden Folgen für die Wirtschaft.

          Laschet versprach, dass neben großen Unternehmen auch für kleine Cafés, die vor der Pleite stehen, Kredite zur Verfügung gestellt würden. Es brauche einen Schutzschirm, der weit größer sei als in der Finanzkrise. Wenn die Kanzlerin von der größten Krise seit 1945 spreche, „dann brauchen wir auch die größten Instrumente”, sagte Laschet.

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