https://www.faz.net/-gqz-9rtso

TV-Kritik: „Maischberger“ : Vom Ende der Wende

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger diskutiert in ihrer Sendung am 2. Oktober 2019 zum Thema: "Spione im Kalten Krieg - Gefährliches Doppelleben" Bild: WDR/Max Kohr

Der Spielfilm „Wendezeit“ liefert den Einstieg zum Thema „Spione im Kalten Krieg". Sandra Maischbergers Gäste geben einen Einblick in die Trivialität nachrichtendienstlicher Arbeit – die heutige Lage beurteilen sie jedoch ganz unterschiedlich.

          6 Min.

          Die Nachrichtendienste verfügen über ein eigentümliches Verständnis von Aufklärung. Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit ist ihre Sache nicht. Wie mündig oder wie naiv ihre Zuträger sind, scheint nebensächlich, so lange der Strom an mehr oder weniger trivialen Informationen nicht abreißt. Die großen Ohren der Amerikaner auf dem Teufelsberg in Westberlin reichten weit in den Osten hinein. Ihre leibhaftigen Zuträger lieferten bestenfalls ergänzende Partikel und wurden, mit Ausnahmen, verheizt.

          2008 erschien der Roman „Die Eignung“ von Michael Sollorz. Sein Protagonist hat Wehrdienst bei der kasernierten Volkspolizei geleistet. Dann wurde er dazu bestimmt, sich hinter den feindlichen Linien für Einsatzbefehle bereit zu halten. Er ist ein Schläfer, dessen Blick in das subkulturelle Leben Westberlins Anfang der neunziger Jahre kälter und treffender nicht hätte sein können. Nur interessiert sich nach der Wende keiner mehr dafür – der Einsatzbefehl bleibt aus. John le Carré (“Der Spion, der aus der Kälte kam“, 1963) und von Ross Thomas (“Kälter als der Kalte Krieg“, 1966) zeichneten in ihren Romanen ein realistisches Bild der Nachrichtendienste ihrer Zeit. Helmut Schmidt fand indes die Lektüre der Neuen Zürcher Zeitung aufschlussreicher als die Lageberichte aus Pullach.

          Paranoia als Voraussetzung

          Den Einstieg für Sandra Maischbergers Talk-Runde lieferte der TV-Spielfilm „Wendezeit“, der vorab in der ARD lief. Darin spielt Robert Hunger-Bühler „Mischa“ Markus Wolf und sieht – abgesehen vom fehlenden Schnurrbart – aus wie Walter Kempowski. Was für eine bittere Ironie, wenn man sich an Kempowskis Haft in Bautzen erinnert!

          John Kornblum, einst amerikanischer Botschafter in Deutschland, war schon früh in Westberlin stationiert. In seinem Büro waren drei Ostagenten plaziert. Er habe keinen Verdacht gegen sie gehegt und erst nach der Wende davon erfahren, sagt er. Wie ernst kann man die Aussage nehmen? Die Abwehrphilosophie der Amerikaner war weitsichtiger als die der Organisation Gehlen und ihrer Nachfolger. Ohne – milde – Paranoia ist nachrichtendienstliche Arbeit undenkbar. Wie kultivieren sie ihre Abwehrroutinen? Wann und warum schießen sie ins Kraut? Wie unterscheiden sie zwischen Verdacht und Wissen? Aber so grundsätzlich wird die Diskussion in Maischbergers Sendung an diesem Abend nicht.

          Am 20. Juli 1954 kam der jungen Bundesrepublik der erste Präsident des Verfassungsschutzes abhanden, diente kurz der DDR für Propagandazwecke und tauchte dann 17 Monate später wieder im Westen auf. Konrad Adenauer notierte damals: „Rückkehr des verlorenen Johnes. Selten so jelacht.“ Der Fall des einstigen SS-Obersturmbannführers Heinz Felfe sowie die Spionage durch Hansjoachim Tiedge und Klaus Kuron waren dramatischer.

          FAZ unterm Arm: Die Luft ist rein!

          Im Vergleich zu ihnen wirkt trivial, was Lilli Pöttrich über ihre Arbeit als Agentin für die DDR berichtet. Sie erzählt darüber in einem amüsierten Ton und macht kein Geheimnis aus der Vorgeschichte ihrer Anwerbung – nur sitzt sie an diesem Abend nicht im Kabarett. Sandra Maischberger springt mit ihr deutlich schärfer um als mit Eberhard Fätkenheuer, der für die Amerikaner in der DDR spionierte und später auf der Glienicker Brücke ausgetauscht wurde.

          Weitere Themen

          550.000 Euro für eine Mona Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Versteigerung zum Spitzenpreis : 550.000 Euro für eine Mona Lisa-Kopie

          In Paris ist eine Kopie des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci für einen Spitzenpreis verkauft worden. Das Bild wurde im 17. Jahrhundert von einem unbekannten Künstler gemalt. Es gleicht dem Original bis auf wenige Details, ist aber etwas größer.

          Topmeldungen

          Hinter den Häusern und Kirchen der Innenstadt in München sind am Morgen die Berge sichtbar.

          Bauvorhaben und Infrastruktur : Bayern und seine Schwächen

          Bayern steht gut da, doch auch im Freistaat hakt es mancherorts außerordentlich. In München droht gar ein verkehrspolitisches Desaster – das bald womöglich den Vergleich mit dem Berliner Flughafen nicht mehr scheuen muss.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump gemeinsam mit Apple-Chef Tim Cook in einem Computerwerk in Austin, Texas

          Freundschaftstest : Trump macht Apple Hoffnung

          Tim Cook empfängt den Präsidenten zum Fototermin in einem Computerwerk in Texas. Dieser nützt die Kulisse für Attacken gegen seine politischen Gegner – und signalisiert, dass Apple von Strafzöllen verschont werden könnte.
          Peter Feldmann bei einem Besuch im Awo-Jugendhaus im Frankfurter Gallusviertel im Jahr 2014.

          Peter Feldmann und die Awo : Das Schweigen des Oberbürgermeisters

          Weil die Arbeiterwohlfahrt seine Ehefrau zu ungewöhnlich guten Konditionen beschäftigt haben soll, steht Peter Feldmann stark unter Druck. Die Awo rechtfertigt derweil die hohe Bezahlung der Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters – und hat noch in einem anderen Fall Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.