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TV-Kritik „Maischberger“ : Schweinezyklus reloaded

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger und ihre Gäste widmen sich dem Thema „Mietenexplosion“ - kompliziert, und geeignet, große Verwirrung zu stiften. Bild: © WDR/Dirk Borm

Der Wohnungsmarkt steht unter Druck: Mieten explodieren, Wohnungen sind knapp. Wie es dazu kommen konnte, wird gerne ausgeblendet. Sandra Maischbergers Sendung zeigt: ein kompliziertes Thema, gut geeignet für viel Verwirrung.

          Der deutsche Wohnungsmarkt gerät unter Druck. Öffentliche Hand und Private streiten sich, wie gute Lösungen aussehen können. Auch Sandra Maischberger geht in ihrer Sendung der Mietenexplosion nach und fragt, ob Wohnen langsam unbezahlbar werde.

          Gerade erst hat die Große Koalition ein Gesetzespaket auf den Weg gebracht, an dessen Sinn und Reichweite beide Seiten Zweifel anmelden. Die Zweifel sind berechtigt. Die „verschärfte Mietpreisbremse“ führt in den Markt für Mietwohnungen ein Zerrüttungsprinzip ein, das man bisher nur aus dem Eherecht kennt. Was ist von einem Vertragsabschluss zu halten, der, kaum dass die Unterschriften geleistet sind, in seiner Substanz in Zweifel gezogen wird? Die Koalition liefert Kosmetik, die nichts schöner macht, aber sie verkauft sie beschönigend.

          Man könnte danach fragen, wie lange es gedauert hat, bis die steigenden Geburtenzahlen aus den Standesämtern bei den Kommunen, bei den Ländern und beim Bund angekommen sind. Man könnte danach fragen, wie lange es gedauert hat, bis einer auf die Idee kam, Mensch, da brauchen wir ja neue Lehrerinnen und Lehrer. Aber zuvor wurden in den Schulen durch Pensionierung freiwerdende Stellen nicht wieder besetzt. Man kann mit Stoppuhr dabei zusehen, wie mit langer Vorlaufzeit Krisen zustande kommen. Eine zyklisch krisenanfällige Branche ist die Wohnungswirtschaft. Verlässlich regelmäßig kommt es zu einem beklagten Mangel, auf den dann Förderprogramme antworten, die oft am Bedarf vorbei konzipiert sind.

          Der Baustadtrat Florian Schmidt aus Kreuzberg-Friedrichshain hat das verstanden. Kein Wunder, er hat bei dem Regional- und Stadtsoziologen Hartmut Häußermann studiert. Der Hebel der öffentlichen Hand liegt nicht beim Neubau, sondern im Wohnungsbestand. Aus Gründen, die heute keiner mehr verstehen will, hat die öffentliche Hand (Kommunen, Länder und Bund) in den vergangenen knapp zwanzig Jahren große Wohnungsbestände an private Investoren verkauft.

          Das fing an mit den Eisenbahnerwohnungen und kaum, dass die Schuldenbremse in das Grundgesetz gewuchtet wurde, haben viele Kommunen und manche Bundesländer nachgezogen. Sie haben ein Instrument aus der Hand gegeben, das sie zu der Zeit, in der sie darüber verfügten, nicht gut genutzt haben. Immer krankte es daran, dass Förderinstrumente (Zuschüsse, Abschreibungen) nicht zielgenau eingesetzt oder aber mit der Förderung verbundene Bindungen nicht wirksam durchgesetzt wurden.

          Nötig ist ein aktives Sozialmanagement

          Die Folgen sind in den Ballungsgebieten zu besichtigen. Beamtenwitwen mit großzügigen Pensionen wohnen in Wohnungen, die für Familien mit Kindern geplant wurden. Tauschprogramme, inzwischen fast barrierefrei online verfügbar wie durch die landeseigenen Wohnungsunternehmen Berlins, haben begonnen. Aber welche 80jährige Mieterin käme von sich aus auf die Idee, mit dem Rollator ins Internetcafé zu juckeln, um dort nachzusehen, ob sie eine schwellenfreie kleinere Wohnung bekommen und sie vielleicht gegen ihre große Wohnung tauschen kann? Ohne ein aktives Management, das von sich aus – in Kenntnis der Sozialdaten der Mieterschaft – solche Projekte in die Hand nimmt, bleibt eine solche Börse Kosmetik. Ehemals gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften wie zum Beispiel die Saga in Hamburg haben schon vor Jahrzehnten mit einem aktiven Sozialmanagement begonnen.

          Die Vonovia, heute das größte private Wohnungsunternehmen in Deutschland, fing mit ihrer Vorgängergesellschaft Deutsche Annington an mit dem Erwerb der Eisenbahnwohnungen. Eine englische Kapitalgesellschaft, mit der japanischen Nomura-Bank verbunden, hatte weitsichtig vorausgesehen, dass in den öffentlichen Wohnungsbeständen Deutschlands Wertsteigerungspotenziale lagen, die sie, was für ein Wunder! nun realisieren. Ihr Wetteinsatz war praktisch risikofrei.

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