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TV-Kritik „Maischberger“ : Schweinezyklus reloaded

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Mieterverdrängung im schönsten Schwabing

Das Einzelbeispiel, das Sandra Maischberger zu Beginn ihrer Sendung vorstellt, ist zwar bitter, aber für die Wohnungssituation in München-Schwabing nicht verwunderlich. Karin Jünke wohnte 70 Jahre in ihrer 100 Quadratmeter großen Altbauwohnung, in der zuvor schon ihre Großeltern gewohnt haben. Der Eigentümer übertrug seinen Anteil auf einen Enkel, der schon im Haus wohnte, und der hat dann im Großmaßstab modernisiert. Dabei macht er Gebrauch von einem Finanzierungsinstrument, das es ihm erlaubt, elf Prozent der Sanierungskosten auf die Miete umzulegen. Mit Hilfe des Münchner Mietervereins hat Frau Jünkel eine Abfindung vereinbart, über deren Höhe sie keine Auskunft geben darf, aber es klang nach 20.000 bis 30.000 Euro. Jetzt lebt sie in einer altersgerechten Seniorenwohnanlage, aber weit weg von ihrer ehemaligen Wohnung. Die Wohnungen sind inzwischen alle für 8.600 Euro pro Quadratmeter verkauft, in Schwabing heute ortsüblich.

Für Anja Franz vom Münchner Mieterverein ist das nicht neu. Bei Altbauten gebe es auch im boomenden München einen Modernisierungsstau. Nur seien die auf die Miete aufschlagbaren Umlagen von elf Prozent zu einer Zeit entstanden, als die Zinsen auf dem Kapitalmarkt bei sechs Prozent lagen. Selbst eine Kappungsgrenze von acht Prozent, die die Bundesregierung nun verabschieden will, garantiert im Vergleich zu Minuszinsen bei der Bank immer noch üppige Renditen.

Ein Berliner Drama in Großpillenform

Christoph Gröner, Bauunternehmer, und Florian Schmidt saßen im Mai zum gleichen Thema schon in der Sendung „Hart aber fair“ von Frank Plasberg. Der Streit zwischen ihnen schreibt inzwischen Stadtgeschichte in Berlin. Es geht um das ehemalige Postscheckamt am Landwehrkanal, schöne Lage, gute Nachbarschaft, Riesenpotenzial. Der in Aussicht genommene städtebauliche Vertrag zwischen dem Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain und der CG Gruppe Gröners liegt auf Eis, weil der Bezirk mit der Neuverteilung zwischen Gewerbe- und Wohnraumfläche nicht einverstanden ist.

Die Bausenatorin will das Verfahren nicht an sich ziehen, obschon sie das könnte. Vermutlich hat auch der Regierende Bürgermeister, der selbst zuvor Senator für Stadtentwicklung war, die Zurückhaltung des Landes beeinflusst. Eine verfahrene Lage, zudem so kompliziert, dass sie in einer solchen Runde keineswegs auch nur ansatzweise dem Publikum vermittelt werden kann. Frau Maischberger wird nicht Mediatorin, das ist klar, sonst von dieser Causa so gut wie nichts, als dass die zwei Streithähne nebeneinander saßen.

Sie gibt Gröner Gelegenheit, seine Firmenphilosophie vorzustellen. Die Tribüne finanziere Stehplätze in der Südkurve. Das Mantra klingt eingängig. Nur was heißt das tatsächlich? Dass er mehr Gewerbefläche realisieren will, versteht jeder, der den Boom in Berlin mitbekommt. Warum der Bezirk nicht mitzieht, ist eine andere Frage. Dass der Bezirk ein so kompliziertes Konversionsverfahren in eigener Regie realisieren kann, ist undenkbar.

Schmidt verfolgt andere Pläne an anderen Standorten. Spekulationsdruck will er durch Milieuschutzsatzungen begegnen. Auch setzt er darauf, Wohnungsbestände mit Vorkaufsrecht durch den Bezirk in öffentliches Eigentum zu überführen. Manchmal gelingt das, bei den derzeitigen Spekulationszyklen wird es schwieriger. Die öffentliche Hand kann es sich nicht leisten, den Markt durch zu starke Eingriffe in einen Winterschlaf zu versetzen. Sie kann aber aus eigenen Beständen und Grundstücken und durch Baurecht bessere Grundlagen schaffen. Städtebauliche Verträge kommen zustande, wenn beide Seiten zu einem Ausgleich von Interessen gelangen. Bei Gröner und Schmidt gibt es auch noch andere Gründe, die in der Öffentlichkeit dieser Talkshow nicht erörtert werden.

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