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TV-Kritik: „Maischberger“ : Schlachtrösser außer Dienst

  • -Aktualisiert am

Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (links) und der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch (rechts) zu Gast bei Sandra Maischberger Bild: WDR/Max Kohr

Über persönliche Hoffnungen reden Roland Koch und Sigmar Gabriel nicht. Die Lage in Union und SPD sieht nicht so aus, als ob man sich nach ihnen sehnt. Gute Voraussetzungen für ein freies Gespräch darüber, wohin Deutschland steuert?

          Sandra Maischbergers Leitfrage, wohin Deutschland steuert, ist kein Thema. Unklar bleibt auch, wer steuert. Das betagte Bild vom Großtanker hat ausgedient. Ständig sind Kurskorrekturen erforderlich, ohne dass noch gewährleistet wäre, dass sie in die gewünschte Richtung führten. Ungewissheit scheint die letzte Gewissheit zu sein: Diese Einsicht teilen Gabriel und Koch – und damit meinen sie nicht die Aussicht eigener politischer Comebacks. Bei Koch war bis zuletzt unklar, ob Bilfinger auch gegen ihn Schadensersatzforderungen durchsetzen würde. Käme es dazu, wäre seine Karriere definitiv beendet.

          Die Öffentlichkeit ist an den Meinungen der beiden Gäste von Frau Maischberger interessiert, weil sie vielleicht als Störfeuer die politische Atmosphäre aufheizen könnten. Sie sind immer noch Schlachtrösser, mit denen zu rechnen ist. Was bewegt Gabriel zu der Annahme, dass Frau Merkel nach der Europawahl zurücktreten könnte? Sie konnte seit der Wahl ihrer Nachfolgerin im Parteivorsitz den Eindruck gewinnen, dass diese in heiklen Fragen der europäischen Politik nicht sattelfest wirkt. Fatal wirkt, dass sich Frau Kramp-Karrenbauer eine entscheidende Lektion Angela Merkels nicht zu eigen macht: ihr unbestimmtes Reden in strittigen Fragen.

          Die saarländische Geschichte nach 1949 scheint sie auch in den Wind zu schlagen. Die Montanunion ist der Einsicht zu verdanken, dass Sicherheit vor Deutschland nur mit den Deutschen gemeinsam gelinge. Eigentümlicher Beifang: dass die so viel beschworene Westbindung der Bundesrepublik praktisch keinen eigenen Begriff der Westpolitik hervorgebracht hat. Das erweist sich heute als Manko.

          Symptome eines Rückfalls

          Die amerikanische Zeitschrift Atlantic veröffentlichte am 74. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands einen Essay von David Frum. Früh hätten die amerikanischen Besatzer auf Meinungsumfragen unter den Deutschen gesetzt, berichtet er. Anfang 1948 antworteten 60 Prozent der Befragten, dass der Nationalsozialismus eine gute Idee gewesen sei, die schief gegangen sei. Der amerikanische Journalist Milton Mayer lebte 1952 in einer hessischen Kleinstadt und interviewte zehn Männer, die im Jahr 1938 die örtliche Synagoge in Brand gesetzt hatten. Außer einem bereuten sie diese Tat auch 14 Jahre später nicht.

          Heute hat die Bundesrepublik nach Ansicht David Frums ihre Herausforderungen bestanden. Dennoch wirke das Land wie ein von schwerer Krankheit genesener Patient, der besorgt auf Symptome eines Rückfalls achte. Die gibt es in der Tat. Frum schreibt Konrad Adenauer die Behauptung zu, Deutschland habe nach dem Krieg vor der Alternative zwischen Demokratie und Gerechtigkeit gestanden. Beides zusammen sei nicht zu haben gewesen. Nur eins nach dem anderen.

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