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TV-Kritik: „Maischberger“ : Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

  • -Aktualisiert am

TV-Talk mit Sandra Maischberger (r.). Zu Gast waren unter anderem Jan Fleischhauer (l.), Anja Reschke und Florian Schroeder. Bild: WDR/Melanie Grande

Grönland-Debatte, Fleischkonsum oder Greta Thunberg: Schaffen die Medien unsere Wirklichkeit, oder bilden sie diese nur ab? Das war das eigentliche Thema dieses Abends, der an fast vergessene Ereignisse der letzten Wochen erinnerte.

          Nicht jeder Amtsinhaber ändert mit der neuen Funktion seine eingeübten Verhaltensweisen. Donald Trump ist dafür ein gutes Beispiel. Ob er in New York als junger Mann in der besseren Gesellschaft seine Rolle finden wollte, gegen den drohenden Bankrott ankämpfte oder als TV-Entertainer im Gespräch bleiben wollte: Angriff ist die beste Verteidigung und nichts ist zu absurd, um in den Medien im Gespräch zu bleiben. Jetzt ist er zwar amerikanischer Präsident, aber Donald Trump geblieben.

          So diskutierte man gestern Abend unter anderem über dessen Idee, den Dänen Grönland abzukaufen. Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer formulierte dazu einen interessanten Gedanken: Trump schaffe es, „die Phantasie der Welt zu besetzen.“ Zweifellos kam bisher niemand in der amerikanischen Politik der vergangenen Jahrzehnten auf die Idee, Grönland zu kaufen. Es geht aber auch Trump nicht um Grönland. Er will lediglich sehen, wie sich die Welt zu ihm verhält.

          Seine Fans bewundern die unorthodoxe Amtsführung, gerade weil er die eingeübten Erwartungen an ein seriöses Politikverständnis verhöhnt. Seine Gegner ringen genau deshalb um ihre Fassung – allerdings nur diejenigen, die es selbst noch nicht vergessen haben. Am Ende redet niemand mehr über den Iran, Nordkorea oder den Handelskonflikt mit China. Vor wenigen Wochen war eines der wichtigen Themen ein drohender Krieg im Persischen Golf. Das ist längst vergessen: Solange die Welt über Donald Trump redet, und nicht über seine Politik, wird sich an dieser Gedächtnisschwäche der öffentlichen Meinungsbildung auch nichts ändern.

          Rohkost-Veganerin trifft auf Steuerexperten

          Trump interessiert sich nicht für Inhalte und hat deshalb so großen Erfolg. In dieser Sendung gab es durchaus Situationen, die diese These bestätigten. So diskutierte Frau Maischberger über das Thema Fleischkonsum, und zwar in dieser Reihenfolge: Eine Rohkost-Veganerin hatte Spaß an ihren Ernährungsgewohnheiten, ein Landwirt sorgte sich darum, dass es seinen Tieren gut gehe, ein junger Mann plädierte für Konsumentensouveränität, eine ältere Dame stattdessen für den früheren Sonntagsbraten. Anschließend berichtete eine Tierschutzaktivistin über ihre samstäglichen Informationsveranstaltungen in Fußgängerzonen, wogegen ein älterer Herr auf die fehlende Zweckgebundenheit von Steuern hinwies. Um anschließend darauf hinzuweisen, dass es in den Arbeitervierteln nicht mehr „um rechts oder links“ ginge, sondern um „ihr da oben und wir da unten.“ Zu denen da oben, gehörten wiederum die Grünen. Womit auch gesagt war, was dem Zuschauer offenbar auf dem Herzen lag.

          Es fehlte nur noch jemand, der auf die Ernährungsgewohnheiten der Inuit hingewiesen hätte. Die dürfen aus Brauchtumsgründen sogar Wale jagen und verspeisen. Womit immerhin der Zusammenhang mit Grönland hergestellt worden wäre. Das alles war ein gutes Beispiel für die Funktionsweise heutiger Diskurse. Es werden lauter Statements abgegeben, die ohne Kontextualisierung schlicht sinnlos sind. Trump macht das genauso.

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