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TV-Kritik: Maischberger : Ilkay und Mesut sind unsere Jungs!

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Von diesem Zusammenhalt der deutschen Mannschaft ist jetzt wenig zu spüren. Die Verantwortlichen des DFB und der Bundestrainer ringen darum, wollen die Debatte um Gündogan und Özil endlich beenden. Diese ist aber nicht die Ursache, sondern eher ein Symptom der Verunsicherung. Alle waren sich in der politischen Beurteilung des Posierens mit dem türkischen Präsidenten einig. Claudia Roth (Grüne) machte deutlich, was sie davon hält, nämlich nichts. Sie versteht zweifellos mehr vom Fußball als die meisten ihrer Verächter.

Ansonsten versuchten sich alle an Erklärungen für dieses PR-Desaster. Schumacher und Merk wiesen auf die Rolle der Familie in der Türkei hin. Schumacher kennt das Land als Spieler von Fenerbahçe Istanbul, Merk als Experte im türkischen Fernsehen. Beckmann fragte sich, wo die Berater dieser beiden Spieler waren, bevor das Foto mit Erdogan gemacht wurde. Von Gündogan zeigte er sich besonders enttäuscht. Ihn hatte der langjährige „Sportschau“-Moderator doch anders erlebt, als reflektierten und politisch interessierten Zeitgenossen. Der vom Bundestrainer für Russland nicht nominierte Emre Can hatte Erdogans Einladung ja auch erst gar nicht angenommen.

Schwergewicht in der kapitalistischen Kulturindustrie

Beckmann kritisierte die Versuche des DFB, die Debatte für beendet zu erklären. Er liegt selbstverständlich richtig: Die Diskussion findet dann halt ohne den DFB statt. Ob Mesut Özil gut beraten ist, nichts zu sagen, kann man bezweifeln. Aber was soll er sagen? Sich entschuldigen? Dabei hat er sich nicht „schuldig“ gemacht, lediglich ein politisches Statement abgegeben. Dafür haben die beiden Fußballspieler nun wirklich genug Prügel bezogen, zum Glück nur im übertragenen Sinn. Oder war es keine politische Meinungsäußerung, wie Gündogan wiederholt erklärt hat? Es wird ihm nicht geglaubt. Diejenigen, die Özils Schweigen kritisieren, werden nichts anderes als Erklärung akzeptieren als das, was sie von den beiden hören wollen.

So werden die Spieler gnadenlos von allen Seiten politisch „instrumentalisiert“ - das ist in diesem Fall fast schon ein Euphemismus. Die Fernsehmoderatorin Marlene Lufen stellte die richtige Frage nach der Politisierung des Sports. Wurde eigentlich jemals ein Spieler gefragt, ob er nach dem „Sommermärchen“ als Posterboy für das moderne, weltoffene Deutschland fungieren wollte? Die Spieler wurden in diese Rolle gedrängt. Tatsächlich träumten sie aber nur den Traum Millionen kleiner Jungs überall auf der Welt: Fußball zu spielen, Karriere zu machen, sicherlich viel Geld zu verdienen. Einmal ein WM-Endspiel zu gewinnen, heißt, fast unsterblich zu werden. Das ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Und zugleich ist es das einzige, was dem Fußball seine völkerverbindende Kraft verleiht.

Er ist aber zugleich ein Schwergewicht in der kapitalistischen Kulturindustrie. Das ist nicht schön anzusehen. Reinhold Beckmann erinnerte mit weniger schönen Worten an die Fifa. Der Sport wurde schon immer politisiert. Fritz Pleitgen wies mit der Nüchternheit eines erfahrenen Beobachters darauf hin. Putin will die Weltmeisterschaft nutzen, um sein Image aufzupolieren. Das machten alle bei solchen Gelegenheiten, sagte Pleitgen. Die Olympischen Spiele in Berlin waren der Anfang dieser Politisierung. Die Nazis nutzten sie als Werbekampagne für ihr Regime. Nicht nur in den Vereinigten Staaten gab es deswegen massiven Widerstand gegen eine Teilnahme. Die junge Bundesrepublik bewarb sich 1972 mit München, um aus diesem Schatten von Olympia in der Diktatur herauszukommen.

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