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TV-Kritik „Maischberger“ : Gebt den Bürgern eine Stimme

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger Bild: dpa

Sandra Maischberger verlässt ihr Studio und lässt in Erfurt die dortigen Bürger zu Wort kommen. Das tut der Moderatorin wie auch den anwesenden Politikern gut. Doch es verschiebt auch den Fokus der Sendung.

          5 Min.

          Sandra Maischberger und ihr Redaktionsteam geben sich experimentierfreudig. Vor einigen Monaten änderte man das Konzept der Sendung in „maischberger.die woche“, um mit unterschiedlichen Gästen mehrere Themen diskutieren zu können. Nun folgt das nächste Experiment: „maischberger.vor ort“ – ein Format, in dem die Moderatorin das Studio verlässt und in die Städte zu den Bürgern geht. An diesem Abend geht es ins Palmenhaus in Erfurt.

          Denn, auch wenn es schwerfällt sich zu erinnern, aber es gab durchaus eine Zeit vor Corona. Damals stürzten die Vorgänge in Erfurt die Landes- wie auch Bundespolitik in eine fundamentale Krise. Nach mehreren Wahlgängen im Thüringer Landtag stellte plötzlich die kleinste Fraktion den Ministerpräsidenten, gewählt mit den Stimmen der AfD. Von Skandal, Tabu- und Dammbruch war die Rede. Bundeskanzlerin Angela Merkel intervenierte aus dem Ausland, wenig später gab die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Rücktritt bekannt. Im Grunde hat sich damals fast jeder zur Krise in Thüringen zu Wort gemeldet – außer denen, die es wohl am meisten betrifft: die Menschen in Thüringen. Das ist an diesem Abend bei „maischberger.vor ort“ anders.

          Gleich zu Beginn stellt Sandra Maischberger klar: Heute fühlen die Bürger den Politikern auf den Zahn – und zwar Katja Kipping (Die Linke), Tino Chrupalla (AfD) und Mario Voigt (CDU). Zudem der Erfurter Politikwissenschaftler André Brodocz als neutraler Experte hin und wieder Fragen beantworten.

          Ein bisschen geht es doch um Corona

          Nun gut, ganz lässt sich die aktuelle Virus-Gefahr nicht umgehend, und so geht es zunächst dann doch um Corona. Aber schon die erste Frage einer Dame aus dem Publikum offenbart das Neue dieses Formats: Sie fragt eben nicht nach einer abstrakten Verantwortung oder einem generellen Risiko, sondern ganz konkret nach dem Alltag der Menschen, die aufgrund von Einschränkungen nun ohne Einkommen dastehen. Wie will die Politik diesen Personen jetzt helfen? Doch so frisch die Frage, so alt, vorhersehbar und auch austauschbar sind die Antworten der geladenen Politiker. Obwohl ganz links und ganz rechts des Parteienspektrums vertreten sind, versprechen Katja Kipping, Mario Voigt und Tino Chrupalla unisono unbürokratische Hilfe – wie auch immer diese aussehen mag.

          Nach kurzen fünf Minuten geht es um die Krise in Thüringen. Die Bürger sprechen von Vertrauensverlust, von Demokratieverdruss und politischen Ränkespielen. Doch wer hat Schuld daran? Für Tino Chrupalla von der AfD trägt Angela Merkel die Hauptschuld. Ihre Aussage, wonach das Wahlergebnis rückgängig gemacht werden müsse, erinnere ihn an vergangene Zeiten. Mario Voigt von der CDU sieht das erwartungsgemäß anders. Zwar sei Angela Merkel nicht fehlerfrei, aber niemand habe doch mit dem Verhalten der AfD rechnen können, einen Kandidaten aufzustellen und diesen nicht zu wählen. Katja Kipping nennt das AfD-Verhalten denn auch „Trickserei“, und macht zusätzlich die CDU-Führung in Berlin sowie deren Hufeisentheorie für das Thüringer Chaos verantwortlich. Jener Beschluss besagt, dass die CDU mit keinem Rand des politischen Hufeisens zusammenarbeiten werde – weder mit der Linkspartei noch mit der AfD. 

          Vor allem die Bürger zu Wort kommen lassen

          Sandra Maischberger hält sich an diesem Abend erfreulicherweise an ihr Versprechen, vor allem die Bürger zu Wort kommen zu lassen. Die Moderatorin greift nur dezent und kurz in die Diskussion ein. So gibt sie an dieser Stelle zu Recht zu bedenken, ob Fehler tatsächlich nur beim jeweils anderen gemacht worden seien. Zumindest Mario Voigt (CDU) räumt ein, dass seine Partei nicht klar gesagt habe, mit einem solch schlechten Wahlergebnis nur noch Opposition zu sein. Das habe man nun jedoch geklärt – samt einem Führungswechsel in der Landespartei von Mike Mohring zu eben Mario Voigt. Unter ihm werde die CDU jedenfalls Opposition sein, und zwar eine „konstruktive“, die sich in verschiedenen Projekten mit der Landesregierung aus Linkspartei, SPD und Grünen abstimmen wolle. Katja Kipping bringt abermals den Vorwurf der AfD-Trickserei auf, den Tino Chrupalla (AfD) natürlich nicht teilt. Es habe drei Kandidaten gegeben, gibt Chrupalla zu bedenken. Und wer sich zu einer Wahl stelle, müsse eben auch damit rechnen, gewählt zu werden.

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