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TV-Kritik „Maischberger“ : Durcheinander als Unterhaltung

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger Bild: dpa

Nun wird Sandra Maischberger künftig mehrere Themen einer Woche aufgreifen und in wechselnder Besetzung erörtern. Auch der neue Anlauf wirkt nicht überzeugend. Das gilt für das Arrangement ebenso wie für die Details.

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          Das erste Thema ist der türkische Feldzug. Ihm vorausgegangen ist der Beschluss des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Truppen aus der Region abzuziehen. Das außenpolitische Establishment des Westens, auch der amerikanischen Politik, ist einhellig entsetzt. Was ist von einem Bündnispartner zu halten, auf den man sich nicht verlassen kann? Die Rede der Bundeskanzlerin aus dem Sommer 2017 hat sich als weitsichtig erwiesen: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei."

          Erdogans Rede, in der er sich an die EU wendet, wird in den hiesigen Medien nicht wörtlich zitiert. Cem Özdemir hat das klargestellt. Erdogan redet von einem Wasserhahn, den er aufdrehe. So stellt er seine Drohung in den Dienst der europäischen Rechtspopulisten, die von einer Flüchtlingsflut reden, als handele es sich um eine Naturkatastrophe. Erdogan führt einen Zweifrontenkrieg.

          Meinungsbildung auf dem Land

          Erst einmal aber spricht Christoph von Marschall, diplomatischer Korrespondent des Tagesspiegel, über anderes. Die Klimaaktivisten gediehen in den bildungsbürgerlichen Milieus von Mittel- und Großstädten, nicht im Umfeld von Berufsschulen des ländlichen Raums mit dünnem öffentlichen Verkehr. Er warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft und scheint die Meinungsbildung auf dem Land zu unterschätzen.

          Der Kabarettist Jürgen Becker nimmt das lakonisch. Dass es Unterschiede in der Dringlichkeit des Problems gibt, sei dem Klima völlig egal. Katharina Nocun, kurze Zeit war sie im Jahr 2013 politische Geschäftsführerin der Piraten, will darauf mit Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs antworten. Sie argumentiert politischer als von Marschall, weil sie dafür eintritt, dass der Verfassungsgrundsatz gleichwertiger Lebensverhältnisse befolgt werde.

          Jürgen Becker will am liebsten Schwarzfahrer des ÖPNV mit zehn Euro belohnen, weil sie nicht mit dem Auto fahren. Tatsächlich werden Schwarzparker mit Samthandschuhen angefasst, Schwarzfahren aber mit Strafbefehlen geahndet. Becker glaubt, dass an Greta Thunberg in fünfzig Jahren überall auf der Welt Denkmäler erinnern werden. Die Frage, warum sie nicht den Friedensnobelpreis bekommen hat, ist durch die Entscheidung für den äthiopischen Politiker Abyi Ahmed überzeugend beantwortet worden.

          Woran man bei der amerikanischen Politik ist, hat gestern in Washington der demokratische Mehrheitsführer Steny Hoyer mit den Worten beschrieben, er habe in über 40 Jahren nicht erlebt, dass ein Präsident den Kongress als gleichrangigen Teil der Regierung so verächtlich behandelt hätte. Die Verfassungskrise spitzt sich zu. Inzwischen liegen Steuerdokumente aus Trumps Unternehmen vor. Sie dokumentieren, dass Trump Kreditgebern gegenüber seine Gewinne aufhübschte, bei den Steuerbehörden aber kleinrechnete. Die politische Kritik muss sich mit dem Sachverhalt befassen, dass es in der Wahrnehmung dieses Präsidenten keinerlei Maß gibt, das er für verbindlich hält.

          Von Marschall übersieht, dass der Zuspruch für Trump auch in den Bundesstaaten abnimmt, die er 2016 mit großer Mehrheit gewonnen hat. Frau Nocun sieht in Trumps Twitter-Kanonaden kein System, da sei ein Einzeltäter am Werk. Das ist vielleicht sogar richtig, unterschätzt aber den Vorsatz, der dahinter zu erkennen ist. Trumps Twitterei zerschießt den common sense der amerikanischen politischen Kultur. Der Präsident entledigt sich aller informellen und formellen Bindungen seines Amtes. Er erklärt der politischen Kultur seines eigenen Landes den Krieg.

          Wird die NATO zum Papiertiger?

          Da wirkt es etwas biedermeierlich, wie Frau Maischberger mit ihren Gästen über den türkischen Feldzug diskutiert. Die NATO wird durch das faktische Verhalten des amerikanischen Präsidenten zum Papiertiger. Beistandsverpflichtungen stehen nur noch auf dem Papier. Der Garant des Bündnisses wendet sich ab. Und der „Bündnispartner“ Türkei fährt mit Europa Schlitten.

          Jetzt darf Cem Özdemir neben Frau Maischberger Platz nehmen. Man weiß über sein spezielles Verhältnis zu Erdogan. Zu der Szene, wo er ihm bei einem Staatsbankett des Bundespräsidenten die Hand schüttelt, trug er einen Button mit dem ins Türkische übersetzten Schiller-Zitat: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ Özdemir beschreibt Erdogans Politik als verzweifeltes Hütchenspiel. Seine Politik lebe von Feindbildern. Verliere er dabei den Zuspruch – bei Fußballspielern leider noch nicht – werde es um ihn geschehen sein.

          Erstes Vorzeichen ist die für die AKP verlorene Wahl des Bürgermeisters von Istanbul. Dennoch eskaliert Erdogan seine Politik immer weiter. Sein Ziel, Millionen syrischer Flüchtlinge auf der syrischen Seite der türkischen Grenze anzusiedeln, verkennt die kulturellen und regionalen Besonderheiten in der Region und die Herkunft der Flüchtlinge aus den syrischen Großstädten. An der türkisch-syrischen Grenze leben noch Aramäer, die die Sprache von Jesus Christus sprechen, und andere religiöse Minderheiten. Die syrischen Milizen, auf die Erdogan sich stützt, sind Kriegsverbrecher, die sich an der eigenen Bevölkerung vergangen haben. In den von ihnen besetzten Gebieten wird Rechtlosigkeit zum Herrschaftsprinzip, ganz zu schweigen von den Plänen der infolge des türkischen Feldzuges entkommenen IS-Kämpfer.

          Die Niederlage im Kampf um den Fraktionsvorsitz scheint Özdemir zu wurmen. „Ich hätte die Wahl wohl überall gewonnen, nur nicht in der Fraktion. Ich hätte sie bei den Mitgliedern gewonnen, bei den Wählern gewonnen, wahrscheinlich sogar in der Linkspartei bis zur CDU/CSU, aber nicht in der Mehrheit in meiner Fraktion.“ Die wird sich bei ihm dafür bedanken. Immerhin kann er als Vorsitzender des Verkehrsausschusses zeigen, ob es ihm gelingt, mit Andreas Scheuer erfolgreich einen Regierungspolitiker abzusägen.

          Der rechtsextremistische Anschlag in Halle wird zu einem Tiefpunkt dieser Sendung. Wie kommt Frau Maischberger auf die Idee, die Tat als die eines Einzeltäters zu klassifizieren? Seit 1990 hat es in Deutschland über 170 Mordopfer rechtsextremer Gewalt gegeben. Es gibt nach wie vor mehr als 600 nicht vollstreckte Haftbefehle gegen Rechtsextreme. Die Sicherheitsbehörden kennen 12.000 gewaltbereite Rechtsextreme. Der Antisemitismus scheint wieder anschlussfähig geworden zu sein.

          Der Kabarettist Jürgen Becker im Gespräch mit Sandra Maischberger

          Jürgen Becker klagt über den Sicherheitsaufwand, den Kabarettgastspiele in deutschen Synagogen erfordern. Christoph von Marschall aber nimmt die Tatsachen eines antisemitischen Gesinnungsumfeldes nicht ernst genug. So gilt es, dokumentierte Tatsachen wahrzunehmen. Von Marschall behauptet, der Anschlag in Halle sei der erste “schlimme“ Angriff auf eine Synagoge nach 1945. Der erste Angriff auf eine Synagoge in Deutschland nach 1945 war es nicht.

          Sandra Maischberger hält es – warum nur? – für eine gute Idee, sich den O-Ton des Attentäters zu eigen zu machen „da komme ich nicht rein, dann geh ich zu den Kanaken“. Was bringt sie dazu? Das ist eine ungeheuerliche Entgleisung. Es folgt ein unfruchtbares Hin und Her zu der Frage, wie sich die AfD im Bund und in den Ländern zu dem Rechtsextremismus positioniert. Ihre Spitzenpolitiker nähren rechtsextremes Denken und Handeln mit solchen Schlagwörtern wie „Umvolkung“. Wer davon öffentlich redet, legitimiert Gewaltverbrechen als Verteidigung.

          Brexit ante portas?

          Schließlich geht es, mitten in der Brüsseler Verhandlungsnacht, um die Frage, ob es am 31. Oktober zu einem ungeordneten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU kommt. Nicht berücksichtigt wird die jüngste Meldung aus London, wonach 21 bisherige konservative Unterhausabgeordnete dazu bereit sind, Jeremy Corbyn zum Premier zu wählen, sollte sich Boris Johnson nicht an den Beschluss des Unterhauses halten, einen vertragslosen Austritt nicht zuzulassen. Von Marschall hat das noch nicht auf dem Schirm. Seine Abscheu vor Jeremy Corbyn ist unverkennbar. Trübt sie seinen Blick auf die Lage?

          Mit Katarina Barley, der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, und Axel Thill, einem deutsch-englischen Mitglied der Brexit-Partei, kann das Thema nicht ergiebig diskutiert werden. Sie werden sich in keiner Frage je einig sein. Die Abscheu des Brexiteers Thill gegenüber der EU ist konfrontativ genug, um zu ermessen, was dieser Streit aus der politischen Kultur des Vereinigten Königreichs gemacht hat: einen Scherbenhaufen. Dem gegenüber wirkt das Plädoyer Frau Barleys für die Europäische Union wie ein zartes Nachtgebet.

          Das ist nicht übertrieben. Denn sollte es zu einem erfolgreichen Misstrauensvotum gegen Johnson kommen, wird der anschließende Wahlkampf zu einer beispiellosen politischen Schlacht. Johnson wird sich bedenkenlos als Volkstribun inszenieren. Der Chauvinismus, mit dem er das Benn-Gesetz als „surrender act“ bezeichnet, das ihm die Hände bindet, kennt keine Rücksichtnahme. Barleys Liebe zu dem phantastischen Volk, seinem Humor, seiner Gelassenheit und seinem Pragmatismus wird sich auf eine Probe gestellt sehen, wie sie in der europäischen Geschichte seit langem nicht mehr zu sehen war.

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