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TV-Kritik: „Maischberger“ : Die Verseifung des Politischen

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Der dürftige Ertrag: Wissen sei nicht zu verwechseln mit Bildung. Was in den Kanon gehört, was nicht, wird an diesem Abend nicht entschieden. Für den 9. November 1938 benutzt Jauch das Wortungetüm „Reichspogromnacht“, ein fauler Kompromiss zwischen dem Nazi-Wort von der „Reichskristallnacht“ und den Novemberpogromen, wie sie in der jüngeren Geschichtsschreibung genannt werden.

Die Verfügbarkeit des Wissens durch jederzeitig mögliches Downlorden (sic!) ist kaum gleichzusetzen mit Bildung, noch weniger mit Verstehen. Sandra Maischberger fragt, ob man Bilder van Goghs und Picassos unterscheiden können müsse. Leider ist ihre Regie nicht in der Lage, zwei Bilder eines Kornfeldes und eines Frauenkubus nebeneinander zu zeigen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Jauch versetzt trocken, Bildung sei nicht zu verwechseln mit zusammenhanglosen Wissensfragmenten. Zum Abschluss erzählt er von einer Begegnung mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der ihm stolz sagte, er hätte bei ihm schon mehrmals die Millionenfrage beantwortet. Tja, habe er geantwortet, wahrscheinlich wäre er an der 2000- oder 4000-Euro-Frage gescheitert. Das fand wohl auch von Weizsäcker plausibel. Durchtriebene Menschenkenntnis findet Jauch wichtig, auch handwerkliches Können. Die Hälfte eines Geburtsjahrgangs mache heute Abitur, er legt mehr Wert auf begnadete Handwerker, überzeugte Bäcker und zufriedene Hausmeister. Weil Deutschland in der Kleinkindförderung hinter Skandinavien zurückliege, gibt er dem föderalen Bildungswesen eine schwache Zwei.

Intermezzo Trump

Das Dreigestirn darf sich kurz mit der amerikanischen Politik befassen. Das Impeachmentverfahren gegen Donald Trump findet nun auf offener Bühne statt. Wird er es überstehen? Das hängt davon ab, ob die republikanischen Senatoren ihre Wiederwahl durch ihn gefährdet sehen. Trete das ein, sei es um Trump geschehen. Wird er aber wiedergewählt, kann das weltpolitisch erheblichen Schaden anrichten. Präsident Emmanuel Macrons Bemerkung, die Nato sei hirntot, sei berechtigt, sagt Christiane Hoffmann. Wenn es keine eindeutig verlässliche Aussage zum Bündnisfall gebe, sei es um das Bündnis geschehen, resümiert Alexander trocken. Die sicherheitspolitischen Vorstöße von Annegret Kramp-Karrenbauer finden ihre Berechtigung in dieser Ausgangslage. Nur ist damit ein Bundeswehreinsatz an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien nicht wahrscheinlicher geworden. Wenn der türkische Präsident deutsche IS-Kämpfer und ihre Familien nach Deutschland schickt, sind nicht nur Strafgerichte gefordert. Informationsquellen des BND, Verhöre syrischer Flüchtlinge und Beweismittel syrischer Menschenrechtler gibt es durchaus. Nur was macht man mit den Kindern und den Ehefrauen? Auch die Kämpfer sind traumatisiert. Vielleicht wird man bei dem Psychoanalytiker Hans Keilson fündig, der traumatisierten Opfern des NS therapeutische geholfen hat.

Abschied einer Ikone

Schließlich darf Sahra Wagenknecht von ihrer Erleichterung erzählen, dass sie nun nicht mehr in politischer Führungsverantwortung steht. Jetzt kann sie endlich lesen, was ihr zuvor nur in Zweistundenhäppchen möglich gewesen sei. Die Konflikte der Linken bleiben der Partei auch ohne sie erhalten. Das Ziel einer politischen Mehrheit für linke Politik gibt sie nicht auf. Den Beschluss über die Grundrente findet sie jämmerlich, nichts werde der an wachsender Altersarmut ändern. Ihre Ohrringe klappern gegen das Headset. Sie kann nicht reden wie eine steinerne ägyptische Göttin. Eindrücklich beschreibt sie das Dilemma politischer Führungskräfte, vom Apparat und Betrieb daran gehindert zu werden, über grundsätzliche Fragen nachzudenken. Das kennt man nicht nur in der Linken. Sie will nicht nur lesen, auch publizieren, denkt an eine Gastprofessur.  Mit Olaf Scholz lande die SPD in der politischen Bedeutungslosigkeit. In einer künftigen Regierung („lieber rotrotgrün als grünrotrot“) könne sie sich vorstellen, ein Amt zu übernehmen. Sie empfiehlt dem politisch interessierten Publikum ein Buch, das gerade nicht lieferbar ist, weil einige Fehler zu beheben sind: „Die Gesellschaft des Zorns“ von Cornelia Koppetsch.

Die Sendung wurde aufgezeichnet. Der Redaktion und Frau Wagenknecht hätte bekannt sein können, dass das Buch gerade nicht lieferbar ist. Aber wen interessiert das schon, wenn es in der seifigen Begleitmusik zum politischen Geschehen nicht mehr darauf ankommt, ein vollständiges Bild komplexer Sachverhalte zu vermitteln. Schade eigentlich.

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