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TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Der Staat wird uns das Bremsen nicht abnehmen können

  • -Aktualisiert am

Ein ganz normaler Mittwochabend? Sandra Maischberger und Prof. Stephan Bierling (rechts) und den Gästen: Cerstin Gammelin, Susanne Gaschker, Vince Ebert (von links nach rechts) und dazugeschaltet: Mary L. Trump Bild: WDR/Max Kohr

In Deutschland steigen die Neuinfektionen rasant – wie damit umgehen? Diese Sendung war in mancher Hinsicht aufschlussreicher als die Verlautbarungen der Politik nach der Ministerpräsidentenkonferenz im Kanzleramt.

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          Dieser Mittwochabend stand ganz im Zeichen einer Ministerpräsidentenkonferenz, die schon Tage vorher vom Kanzleramtsminister als „historisch“ angekündigt worden war. So wollte auch Frau Maischberger dieses Ereignis nicht verpassen, und sendete ihren Wochenrückblick live. Immerhin sollte das Timing passen: Die Pressekonferenz der Bundeskanzlerin mit den beiden Ministerpräsidenten aus Berlin und München begann rechtzeitig, um über die Ergebnisse dieses stundenlangen Ringens noch zu diskutieren. Die historische Dimension blieb dabei aber etwas auf der Strecke, was aber nicht an Frau Maischbergers Gästen lag: Diese mühten sich redlich um eine für den Zuschauer nachvollziehbare Einordnung der in Berlin gefassten Beschlüsse. Deren historische Dimension bestand darin, etwa für Gebiete mit einem hohen Infektionsgeschehen eine Sperrstunde für Gaststätten ab 23.00 Uhr vorzusehen. Oder eine Maskenpflicht auf belebten Plätzen im Freien zu verordnen. Die Reduzierung der privaten Kontakte gehörte ebenfalls dazu, wurden sie doch in den vergangenen Wochen als die eigentliche Quelle der neu entfachten Infektionsdynamik ausgemacht.

          Historische Sperrstunde

          Viele Zuschauer stellten sich sicherlich die Frage, ob es jemals historische Ereignisse gegeben hatte, wo die abendliche Sperrstunde in Kneipen eine zentrale Rolle spielte. Die Beschlüsse hatten deshalb mit einer gewissen Disproportionalität zur in der Pressekonferenz gewählten Rhetorik zu kämpfen. So sprach etwa die Kanzlerin von einer „Jahrhundert-Herausforderung.“ Die Welt-Autorin Susanne Gaschke „irritierte“ dann auch die „apokalyptische Rhetorik“, die lediglich „Angst mache.“ Diese sei aber ein schlechter Ratgeber. Zugleich stellte Frau Gaschke die zweifellos berechtigte Frage an die Bundesregierung, ob man nach acht Monaten nicht endlich klären könnte, „welche Maßnahmen überhaupt etwas“ brächten. Cerstin Gammelin schilderte die gleichen Sachverhalte aus einer anderen Perspektive. Für die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung hieß die Botschaft dieser Pressekonferenz, dass „sich alle auf einen harten Winter einstellen“ müssten, wobei unsere Nachbarländer zeigten, „wo es hingehen wird“.

          Das war eine spannende Formulierung, denn so ganz klar ist das in Wirklichkeit nicht. So hat Frankreich seit Ende August eine rigide Maskenpflicht, wo wohl nur noch in der eigenen Wohnung auf den Mund-Nasen-Schutz verzichtet werden darf. Trotzdem erlebte Frankreich in den vergangenen sechs Wochen einen steilen Anstieg der Infektionszahlen, der aber zum Glück nicht zu den hohen Sterbefällen des Frühjahrs führte. In Schweden gibt es dagegen diesen Mund-Nasen-Schutz nicht, aber trotzdem keine mit Frankreich vergleichbare Infektionsdynamik. Das eigentliche Ziel jeder rationalen Präventionspolitik funktioniert in Schweden offenbar besser als in anderen Staaten: Nämlich die sozialen Kontakte möglichst dort zu reduzieren, wo das Infektionsrisiko am höchsten ist. Das gibt es aber nicht für Fahrradfahrer an roten Ampeln, wie Frau Gammelin irrtümlich annahm. Dort hat sich wirklich noch niemand angesteckt, wenn es denn nicht zum intensiven Austausch von Körperflüssigkeiten gekommen sein sollte.

          Susanne Gaschke sieht endlich Handlungsbedarf bei der Politik.
          Susanne Gaschke sieht endlich Handlungsbedarf bei der Politik. : Bild: WDR/Max Kohr

          Trotzdem definierte sie unser Problem mit einer klugen Anmerkung. Es gäbe einen „großen Widerspruch zwischen den theoretischen Regeln und der praktischen Umsetzung“. Letztere lässt sich in Wirklichkeit nicht kontrollieren, weshalb sich das ganze Land in abstrusen symbolischen Kämpfen über die Maske und der Suche nach Schuldigen verliert. Dort machen die einen die böse Party-Jugend verantwortlich, die lieber am Samstagabend feiert anstatt Latein-Vokabeln zu büffeln. Andere unsere türkischstämmigen Mitbürger mit ihren Hochzeiten und der recht großen Gästeliste. Schließlich gibt es noch jene Mitbürger, die andere gerne über das ordnungsgemäße Anlegen des Mund-Nasen-Schutzes informieren. Der bayerische Ministerpräsident weiß dieses Bedürfnis perfekt zu bedienen, wobei er hohe Infektionszahlen proportional zur Bevölkerungszahl mit der autoritären Rhetorik perfekt zu kombinieren weiß. Mit seiner gestern wiederholten Forderung nach drakonischen Bußgeldern für Maskenverweigerer spricht er auch jedem Spießer aus dem Herzen. Der Politikwissenschaftler Christian Hacke nannte das in einer früheren Sendung die „Blockwart-Mentalität“ der Deutschen, die gerne den Anweisungen der Obrigkeit folgt. Dieser deutsche Spießer mit seiner Mischung aus moralisierender Impertinenz und charakterlicher Bösartigkeit ist jeden Tag auf Twitter zu erleben.

          „Null-Risiko-Gesellschaft“

          Dazu kommt noch das, was der Physiker und Wissenschaftskabarettist Vince Ebert als die Mentalität einer „Null-Risiko-Gesellschaft“ definierte. Diese versuchte nicht nur Risiken zu minimieren, sondern „auf Null herunterzudrücken“. Jetzt hätten wir es aber mit einer Situation zu tun, wo wir als Gesellschaft eine andere Frage beantworten müssten: Welches Risiko seien wir bereit zu akzeptieren? Darüber wollte man aber nicht reden, so Ebert, also lavierte die Politik mit der Botschaft herum, sie hätte alles im Griff. Was das konkret bedeuten könnte, machte wiederum Frau Gammelin deutlich. Sie fand die Aussage der Bundeskanzlerin bemerkenswert, sich nicht noch einmal solche Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft wie im Frühjahr leisten zu können. Die gerne aus Bayern formulierte Warnung vor einem neuen Lockdown erweist sich damit als lautstarkes Getöse ohne Substanz. Zwar wollten weder Frau Gaschke, noch Herr Ebert einen solchen ausschließen. Aber letzterer glaubte nicht, dass eine solche Maßnahme „so friedlich ablaufen“ würde wie im Frühjahr. Das bedeutete nicht den Bürgerkrieg, wie er sogleich klarstellte, aber einen „immensen Unmut“. Nicht zuletzt unter seinen Künstlerkollegen, die diese Politik in existentielle Nöte gebracht habe. Der Staat ist längst an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit gestoßen.

          So war diese Diskussion aufschlussreicher als die Pressekonferenz nach der Ministerpräsidentenkonferenz. Wahrscheinlich galt das sogar für die Konferenz selbst, wenn man den Aussagen von Manuela Schwesig (SPD) genau zuhörte. Die Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern erlaubte interessante Einblicke in die dort geführten Diskussionen. So ging es etwa um das in den vergangenen Tagen so heftig umstrittene Beherbungsverbot für Reisende aus innerdeutschen Risikogebieten. Für Frau Schwesig ging es um zwei Dinge: Zum einen die etwa im Vergleich zu Bayern weiterhin niedrigen Infektionszahlen zu gewährleisten, zum anderen den Tourismus als einen der wichtigsten Wirtschaftszweige in ihrem Bundesland zu sichern. Das geriet schnell zur Suche nach Schuldigen, als sie den für die Regionen mit hohen Infektionszahlen verantwortlichen Politikern den fehlenden Willen zur Bekämpfung der Pandemie vorwarf. Nur geht es bei solchen innerdeutschen Reisebeschränkungen lediglich darum, ob sie einen signifikanten Beitrag zur Reduzierung der Infektionsdynamik leisten. Nur gelten im hohen Norden wie im tiefsten Süden die gleichen Hygieneregeln. Der mit dem Beherbungsverbot verbundene bürokratische Aufwand hat somit keinen erkennbaren Nutzen, außer diesen Aufwand zu erhöhen. Das gestand Frau Schwesig sogar ein, als sie eine Erhöhung des für das Verbot maßgeblichen Inzidenzwertes als möglichen Kompromiss ansprach. Warum aber soll man dann nicht gleich darauf vertrauen, dass Touristen aus München in Mecklenburg-Vorpommern genauso vorsichtig sind, wie in der bayerischen Landeshauptstadt?

          Sauberer oder unsauberer Durchseuchungskurs?

          Solche Fragen hätte unter Umständen Hendrik Streeck den Ministerpräsidenten im Berliner Kanzleramt beantworten können. Er war aber nicht eingeladen, sodass er immerhin uns Zuschauern Rede und Antwort stehen konnte. Manchen Spießern gilt er mittlerweile als Schreckgespenst, weil er zu wenig Zucht und Ordnung verspricht. Tatsächlich orientiert sich der Bonner Virologe an einen Grundsatz, den sein Berliner Kollege Christian Drosten in einem Artikel für die „Zeit“ so formulierte: „Ein unsauber abgesteckter Durchseuchungskurs könnte unsere bisherigen Erfolge zunichtemachen, die medizinischen wie die ökonomischen.“ Für einen solchen sauber abgesteckten Durchseuchungskurs plädierte Streeck, als er die steigenden Infektionszahlen unter einer Bedingung für unvermeidbar und hinnehmbar hielt: Wenn sich die Ausbreitung in die bekannten Risikogruppen eindämmen ließe. Deren Schutz müsste Priorität genießen, so Streeck.

          Auch zu Gast: der Bonner Virologe Hendrik Streeck
          Auch zu Gast: der Bonner Virologe Hendrik Streeck : Bild: WDR/Max Kohr

          Mit der von Ebert angesprochenen „Null-Risiko-Mentalität“ wird sich dieser Ansatz nicht vereinbaren lassen. Es ginge vielmehr darum, das „Virus so zu kontrollieren, dass wir Schäden aller Art verhindern könnten“. Dazu gehört ein realistischer Blick auf das Infektionsgeschehen. So machte Streeck auf Hochrechnungen aufmerksam, die für den März und den April allein in Deutschland von etwa 60.000 Neuinfektionen ausgehen, und zwar täglich. Der praktisch in allen europäischen Staaten verhängte Lockdown bremste somit die Dynamik, sondern ähnelte eher der Vollbremsung auf einer abschüssigen Straße: Sobald man die Bremsen wieder lockerte, also soziale Kontakte unvermeidlich wurden, nahmen wir wieder Fahrt auf. Wie schnell wir fahren werden, hängt aber von uns allen ab. Der Staat wird uns das Bremsen nicht abnehmen können. Das war die eigentliche Botschaft dieses Mittwochabend. Die nächste Sendung wird es übrigens erst nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen geben. Bis dahin werden wir Zuschauer wohl auch auf das Attribut „historisch“ warten müssen.

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