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TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Der Staat wird uns das Bremsen nicht abnehmen können

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So war diese Diskussion aufschlussreicher als die Pressekonferenz nach der Ministerpräsidentenkonferenz. Wahrscheinlich galt das sogar für die Konferenz selbst, wenn man den Aussagen von Manuela Schwesig (SPD) genau zuhörte. Die Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern erlaubte interessante Einblicke in die dort geführten Diskussionen. So ging es etwa um das in den vergangenen Tagen so heftig umstrittene Beherbungsverbot für Reisende aus innerdeutschen Risikogebieten. Für Frau Schwesig ging es um zwei Dinge: Zum einen die etwa im Vergleich zu Bayern weiterhin niedrigen Infektionszahlen zu gewährleisten, zum anderen den Tourismus als einen der wichtigsten Wirtschaftszweige in ihrem Bundesland zu sichern. Das geriet schnell zur Suche nach Schuldigen, als sie den für die Regionen mit hohen Infektionszahlen verantwortlichen Politikern den fehlenden Willen zur Bekämpfung der Pandemie vorwarf. Nur geht es bei solchen innerdeutschen Reisebeschränkungen lediglich darum, ob sie einen signifikanten Beitrag zur Reduzierung der Infektionsdynamik leisten. Nur gelten im hohen Norden wie im tiefsten Süden die gleichen Hygieneregeln. Der mit dem Beherbungsverbot verbundene bürokratische Aufwand hat somit keinen erkennbaren Nutzen, außer diesen Aufwand zu erhöhen. Das gestand Frau Schwesig sogar ein, als sie eine Erhöhung des für das Verbot maßgeblichen Inzidenzwertes als möglichen Kompromiss ansprach. Warum aber soll man dann nicht gleich darauf vertrauen, dass Touristen aus München in Mecklenburg-Vorpommern genauso vorsichtig sind, wie in der bayerischen Landeshauptstadt?

Sauberer oder unsauberer Durchseuchungskurs?

Solche Fragen hätte unter Umständen Hendrik Streeck den Ministerpräsidenten im Berliner Kanzleramt beantworten können. Er war aber nicht eingeladen, sodass er immerhin uns Zuschauern Rede und Antwort stehen konnte. Manchen Spießern gilt er mittlerweile als Schreckgespenst, weil er zu wenig Zucht und Ordnung verspricht. Tatsächlich orientiert sich der Bonner Virologe an einen Grundsatz, den sein Berliner Kollege Christian Drosten in einem Artikel für die „Zeit“ so formulierte: „Ein unsauber abgesteckter Durchseuchungskurs könnte unsere bisherigen Erfolge zunichtemachen, die medizinischen wie die ökonomischen.“ Für einen solchen sauber abgesteckten Durchseuchungskurs plädierte Streeck, als er die steigenden Infektionszahlen unter einer Bedingung für unvermeidbar und hinnehmbar hielt: Wenn sich die Ausbreitung in die bekannten Risikogruppen eindämmen ließe. Deren Schutz müsste Priorität genießen, so Streeck.

Auch zu Gast: der Bonner Virologe Hendrik Streeck
Auch zu Gast: der Bonner Virologe Hendrik Streeck : Bild: WDR/Max Kohr

Mit der von Ebert angesprochenen „Null-Risiko-Mentalität“ wird sich dieser Ansatz nicht vereinbaren lassen. Es ginge vielmehr darum, das „Virus so zu kontrollieren, dass wir Schäden aller Art verhindern könnten“. Dazu gehört ein realistischer Blick auf das Infektionsgeschehen. So machte Streeck auf Hochrechnungen aufmerksam, die für den März und den April allein in Deutschland von etwa 60.000 Neuinfektionen ausgehen, und zwar täglich. Der praktisch in allen europäischen Staaten verhängte Lockdown bremste somit die Dynamik, sondern ähnelte eher der Vollbremsung auf einer abschüssigen Straße: Sobald man die Bremsen wieder lockerte, also soziale Kontakte unvermeidlich wurden, nahmen wir wieder Fahrt auf. Wie schnell wir fahren werden, hängt aber von uns allen ab. Der Staat wird uns das Bremsen nicht abnehmen können. Das war die eigentliche Botschaft dieses Mittwochabend. Die nächste Sendung wird es übrigens erst nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen geben. Bis dahin werden wir Zuschauer wohl auch auf das Attribut „historisch“ warten müssen.

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