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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Die Frauen haben es den Männern richtig gezeigt

  • -Aktualisiert am

Diskussion bei Sandra Maischberger Bild: WDR/Max Kohr

Mit ihrem obligatorischen Jahresrückblick verabschiedete sich Sandra Maischberger in die Weihnachtspause. Es ging um Fussball und Politik, aber vor allem um ein Lebensgefühl. Darüber durften sogar Männer diskutieren.

          6 Min.

          So schnell vergeht die Zeit. Vor einem Jahr hatte die Bundesrepublik lediglich eine amtierende Regierung und mancher Beobachter fühlte sich an frühere italienische Verhältnisse erinnert. Die Grünen hatten bei der Bundestagswahl von sechs im Bundestag vertretenen Fraktionen den sechsten Platz belegt. Die FDP galt seit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen in Teilen der deutschen Publizistik als Spielverderber. Die Sozialdemokraten mussten sich zur Strafe wieder einmal um ihre staatspolitische Verantwortung mühen. Die Union ahnte nicht, welches bürgerliche Trauerspiel sie in ihrer Programmplanung für das kommende Jahr berücksichtigen sollte. Sie galt immerhin als ein seriöses Parteienbündnis.

          Alle zusammen wirkten noch recht ratlos, wie sie mit der AfD als Aufsteigerin des Jahres 2017 umgehen sollten. Und die Bundeskanzlerin? Sie war immer noch da, wenn auch niemand so genau wusste, warum eigentlich. Die CDU nominierte am 7. Dezember Annegret Kramp-Karrenbauer als CDU-Generalsekretärin. Nicht nur die Spatzen auf Berliner Dächern hielten das für den Versuch, eine Merkel-Nachfolgerin rechtzeitig in Stellung zu bringen. Der Brexit schien dagegen noch recht weit weg zu sein. Im Mutterland der Mode wäre aber bestimmt niemand auf die Idee gekommen, in scheußlichen gelben Westen über Pariser Boulevards zu ziehen. Dafür galt Titelverteidiger Deutschland als großer Favorit bei der kommenden Fußball-WM in Russland. Am 1. Dezember hatten die Deutschen bei der Auslosung der WM-Vorgruppen das bewährte Losglück. Was sollten Mexiko, Schweden und Südkorea schon gegen Neuer, Boateng, Kroos, Özil und Müller ausrichten?

          „Schönste Teilzeit-Job, den das Land zu bieten hat“

          Das alles ist längst vergessen. Das ist auch der Witz an solchen Jahresrückblicken, wie ihn gestern Abend wieder Sandra Maischberger machte. Das Publikum hat keine Erinnerung mehr daran, was es vor einem Jahr noch für selbstverständlich hielt. So ist Deutschland im vergangenen Jahr abgestiegen, so Johannes B. Kerner. Zwar aus der Nations League, deren Regeln noch keiner verstanden hat, wie der TV-Moderator feststellte. Gravierender war aber die kläglichste Vorstellung einer Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft seit dem Jahr 1938. Hätte sich wirklich jemand vor einem Jahr vorstellen können, nach diesem Debakel den Bundestrainer einfach im Amt zu belassen?

          Wahrscheinlich nicht einmal der Jungpolitiker Helmut Markwort, der in diesem Herbst mit 81 Jahren erstmals für die FDP in den bayerischen Landtag einzog. Für den langjährigen Chefredakteur des „Focus“ war das Festhalten an Joachim Löw die richtige Entscheidung. Immerhin der „schönste Teilzeit-Job, den das Land zu bieten hat“, so Kerner.

          Genausowenig hätte sich Katrin Göring-Eckhardt (Grüne) vor einem Jahr vorstellen können, über unseren Mittelfeld-Star Mesut Özil als Rassismus-Opfer zu diskutieren. Schließlich hatte nur ein Alexander Gauland (AfD) etwas gegen einen aus Berlin stammenden Innenverteidiger als Nachbarn einzuwenden. Sie hätte angesichts der Stimmungslage wohl eher vermutet, im Spätsommer 2018 vor den patriotischen Aufwallungen nach einer Titelverteidigung warnen zu müssen. Zu Siegesfeiern am Brandenburger Tor kam es bekanntlich nicht. Dafür zu einer Debatte über ein Foto Özils mit einem Despoten und anschließend eine auf allen Seiten misslungene Kommunikation darüber, wie Kerner diagnostizierte. Das endete schließlich mit der luizid formulierten Rücktrittserklärung Özils aus der Nationalmannschaft, wie wir alle wissen. Kerner und Markwort artikulierten gewisse Zweifel daran, ob diese Erklärung von Özil selber verfasst worden ist. Dafür sind seine jüngsten Partyfotos absolut authentisch, sicher auch ohne Hilfe von PR-Beratern entstanden. So hat jeder seine Sorgen. Ein Özil bei Arsenal London neuerdings sogar wegen des Konsums von Lachgas.

          Absteigerin des Jahres – bei den Grünen

          Aber natürlich ging es in diesem Jahresrückblick auch um Politik. Frau Göring-Eckhardt, Markwort und der CDU-Jungstar Philipp Amthor repräsentierten drei unterschiedliche Politikergenerationen. Die Bundestagsfraktionsvorsitzende der Grünen ist die klassische Berufspolitkerin. Als Amthor im Jahr 1992 geboren wurde, arbeitete sie schon als Referentin in der Thüringer Landtagsfraktion ihrer Partei. Die Einschulung war für Amthor im Jahr 1998 bestimmt ein prägendes Erlebnis. In diesem Jahr gelang Frau Göring-Eckhardt erstmals der Sprung in den Bundestag. Markwort war in dieser Zeit auch gut beschäftigt. Es galt den „Focus“ als Alternative zum „Spiegel“ zu konsolidieren. Die Etablierung eines zweiten Nachrichtenmagazins ist zweifellos eine der bemerkenswerten verlegerischen Leistungen in der deutschen Mediengeschichte. Markwort kritisierte die fehlende Erfahrung des neuen CDU-Führungsduos Annegret Kramp-Karrenbauer und des Generalsekretärs Paul Ziemiak außerhalb der Berufspolitik. Letzteren nannte er sogar berufslos, was einen schon erstaunte. Nach dieser Definition wäre auch Willy Brandt berufslos gewesen. Und die beruflichen Erfahrungen der früheren Bundeskanzler Helmut Kohl (Historiker) und Helmut Schmidt (Volkswirt) hielten sich vor ihrer politischen Laufbahn ebenfalls in überschaubare Grenzen. Das Ressentiment gegen die Politik als Beruf zu mobilisieren, ist eine der leichteren Übungen in unserer Gesellschaft. Das macht es aber nicht überzeugender. Wer sich alle vier Jahre dem Wähler stellen muss, braucht sich nicht für seinen Beruf zu rechtfertigen.

          Viel interessanter sind doch die Leistungen in diesem Beruf. So machte Kerner eine interessante Anmerkung. Die Grünen, so erklärte er deren Erfolg, verkörperten ein Lebensgefühl. Deshalb warnte er auch davor, diese lediglich „als Verbotspartei“ zu charakterisieren. Mit dieser Stimmungslage versuchten Amthor und Marktwort an die alten Zeiten christlich-liberaler Verbundenheit anzuknüpfen. Nur hat sich das Lebensgefühl in einem Jahr wirklich so verändert? Frau Göring-Eckhardt war nämlich mit dem anderen grünen Spitzenkandidaten Cem Özdemir für den Platz sechs nach der letzten Bundestagswahl verantwortlich. Mit der Inthronisierung der beiden grünen Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck haben sich die Machtstrukturen in der Partei allerdings dramatisch verschoben. Die Bundestagsfraktion spielt kaum noch eine Rolle. Das neue Führungsduo verkörpert den Spaß an der Politik, um gleichzeitig mit tiefem Ernst die Welt zu retten. Insofern wirkte in diesem Jahr Frau Göring-Eckardt so alt, wie sie es beim bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) feststellte. Die innerparteiliche Absteigerin des Jahres 2018 heißt bei den Grünen Katrin Göring-Eckhardt.

          Oder ist der Aufstieg der Grünen in erster Linie mit dem desaströsen Zustand der Regierungsparteien zu erklären? So argumentierte wenigstens Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios. Es existiert tatsächlich in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung ein Überdruss an den drei Regierungsparteien. Da wirken die Grünen als Lichtgestalt, vor allem auch wegen ihrer Rolle als good guy im Vergleich zum bad guy namens AfD. Seltsamerweise bemühen sich aber Teile der veröffentlichten Meinung immer darum, die Bundeskanzlerin aus der allgemeinen Groko-Schelte herauszulassen. Sie hat nie etwas damit zu tun. So sah Frau Hassel im selbstbestimmten Abgang Angela Merkels vom Amt der Parteivorsitzenden eines der wichtigen Ereignisse des Jahres. Gleichzeitig sprach sie aber vom Ende der „bleiernen Zeit“. Es ist jene Formulierung, die Frau Kramp-Karrenbauer im innerparteilichen Wahlkampf der CDU nutzte, um sich rhetorisch von der Bundeskanzlerin abzugrenzen. Amthor war als Delegierter auf diesem Parteitag. Er hätte im ersten Wahlgang Jens Spahn gewählt, und im zweiten Wahlgang die neue Parteivorsitzende. Sie wäre das bessere Angebot für die CDU gewesen, so seine Begründung. Über diese Auskunft wäre Friedrich Merz am Donnerstag unter Umständen noch überrascht gewesen. Amthor hatte nämlich vor dem Parteitag eisern geschwiegen. So war der junge Mann für Überraschungen gut, die man ihm gar nicht zugetraut hätte.

          Verwirrende Erfahrung für einen Jungpolitiker

          Markwort ist zwar Jungpolitiker, war aber trotzdem gestern Abend das Sinnbild für den „alten, weißen Mann“. Als er es wagte, Frau Kramp-Karrenbauer zu kritisieren, waren sich Frau Hassel und Frau Göring-Eckhardt einig. Das geht gar nicht, so der Eindruck beim Zuschauer. Zwar suggerierte Frau Göring-Eckhardt, sie könnte mit der neuen CDU-Vorsitzenden politische Differenzen haben. Aber weiblicher Pragmatismus ist eine Tugend, die schon seit dreizehn Jahren die Kanzlerin perfekt verkörpert. Tatsächlich war dieses Jahr von einem Lebensgefühl geprägt. Kerner traf hier den Punkt, aber anders als gedacht. Das hat nämlich wenig mit der neu erwachten Sorge der Deutschen um verhungernde Eisbären zu tun, wie es Frau Göring-Eckhardt so schön als Warnung vor dem Klimawandel formulierte.

          Vielmehr haben es die Frauen der Babyboomer-Generation das erste Mal den Männern so richtig gezeigt. Das damit verbundene Glücksgefühl ist angesichts einer von Männern geprägten Kultur nachvollziehbar. Für die Männergeneration des Jungpolitikers Markwort ist das zweifellos eine verwirrende Erfahrung. Und ein Amthor wirkte trotz seiner Warnungen vor „grüner Verbotskultur“, wie der nette Junge von nebenan. Er hat ja auch am vergangenen Freitag richtig gewählt. Ernst nehmen müssen ihn die Frauen einstweilen noch nicht. So wurde dieses Jahr von einem Lebensgefühl geprägt, das es zum Jahr der Frauen werden ließ. Wie weit das trägt, wird sich zeigen. Im Dezember 2019 werden wir es beim nächsten Jahresrückblick wissen. Eine Fußball-WM findet zum Glück nicht statt.

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