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TV-Kritik: Maischberger : In der Sackgasse

  • -Aktualisiert am

Die Runde bei Sandra Maischberger Bild: WDR/Max Kohr

Wie wenig ergiebig die Debatte über die Pandemie-Bekämpfung in unserer Gesellschaft ist, spiegelt sich in der Diskussion bei Sandra Maischberger wider. Das liegt aber keineswegs nur an Berliner Demonstranten.

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          Allmählich müssen sich die etablierten Medien überlegen, wie sie mit ihren Kritikern umgehen sollen. Dafür lieferte diese erste Sendung von Frau Maischberger nach der Sommerpause reichliches Anschauungsmaterial. Es ging um die Corona-Demonstration am vergangenen Samstag in Berlin. Der in langen Jahrzehnten als einer der profundesten Kritiker herrschender Verhältnisse bekannt gewordene Günter Wallraff nannte die Teilnehmer ein „Konglomerat von Verängstigten, Verwirrten und Verhetzten.“ Vergleichbare Töne konnte man zwar auch vor vierzig Jahren über Wallraff hören, war aber nur begrenzt erfolgreich: Wallraff schrieb mit „Ganz unten“ einen Sachbuch-Bestseller sondergleichen.

          Nun lohnte es sich zweifellos nicht, ein solches Konglomerat besonders ernst zu nehmen. Allerdings haben ausgerechnet zwei Kritiker der derzeitigen Pandemie-Politik mit dem Titel „Corona Fehlalarm?“ den Bestseller des Jahres geschrieben: Nämlich der Infektionsepidemiologe Sucharit Bhakdi und die Biologin Karina Reiss. Ein solcher publizistischer Erfolg dokumentiert eine gesellschaftliche Stimmung, nicht anders als vor Jahrzehnten bei Wallraff. Letzterer durfte sich aber über die fehlende Aufmerksamkeit in den Medien nicht beschweren: Er hatte vielfältige Unterstützer, gerade auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das ist bei Bhakdi und Frau Reiss nicht der Fall. Sie finden in den etablierten Medien schlicht nicht statt.

          „Blockwart-Mentalität“

          Nun mag das zu einer gesellschaftlichen Stimmung passen, wo selbst ein Wallraff die Befehlsausgabe eines bayerischen Ministerpräsidenten als die angemessene Form politischer Kommunikation empfindet. Der Politikwissenschaftler Christian Hacke nannte das später in einem Einzelinterview überspitzt die „Blockwart-Mentalität“ der Deutschen, das unterscheide sie von den Amerikanern. So ändern sich die Zeiten. Aber hier kommt ein Grundkonflikt zum Ausdruck, der die politischen Debatten der vergangenen Jahre in ein fortlaufendes Desaster verwandelt hat.

          Alles wird nur noch in den Kategorien der Freund-Feind-Definition beurteilt. Jedes Argument zum ideologischen Totschläger, der statt einer Begründung das Bekenntnis verlangt. Dann gehen schon einmal die Pferde durch, wie die Zuschauer bei der Journalistin Düzen Tekkal erleben durften. Zuerst wandte sie sich gegen den polemischen Begriff der „Covidioten“ zur Charakterisierung der Berliner Demonstranten. Um aber kurze Zeit später folgenden Satz zu formulieren: Diese 22.000 Teilnehmer seien „verfassungsfeindlich“ und „treten die Werte mit Füßen.“ Zudem lebten sie in Parallelstrukturen und seien „nicht integriert“. Nun ist „Covidioten“ im Vergleich dazu noch ein harmlose Formulierung.

          Zur Realsatirikerin wurde Frau Tekkal aber bei ihrer Schilderung des Falls eines Basketball-Nationalspielers aus Bonn. Dieser war von seinem Verein in Bonn wegen der Teilnahme an dieser Demonstration fristlos entlassen worden. Vorwurf war der Verstoß gegen Hygienevorschriften, was aber bei keinem Arbeitsgericht irgendwelche Erfolgsaussichten haben dürfte. Frau Tekkal kritisierte zwar mit dem Gestus der strengen Hausmutter diese Entlassung. Kam aber gleichzeitig auf die Idee, dass auf dieser Demonstration keine Migranten anzutreffen gewesen seien. Der Nationalspieler heißt Joshiko Saibou, dessen Vorfahren wahrscheinlich nicht schon die Römer im Teutoburger Wald besiegt haben. Wie kommt überhaupt jemand zu der Vorstellung, die Herkunft könnte etwas mit der Beurteilung dieser Pandemie zu tun haben?

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