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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Das Coronavirus erreicht die Talkshows

  • -Aktualisiert am

„Aktualisierung der Pandemiepläne“

Was darunter zu verstehen ist, könnte der Bundesgesundheitsminister bei Thomas Voshaar erfahren. Er ist Chefarzt einer Lungenklinik in Moers und zudem Präsident des Verbandes pneumologischer Klinken. Voshaar war zwar nicht bei Frau Maischberger zu Gast, beschrieb aber in einem Telefongespräch die Versäumnisse der deutschen Politik. So habe es bis gestern keine Schreiben vom Bundes- und Landesgesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen über den Umgang mit einer möglichen Epidemie gegeben. Die Krankenhäuser müssten somit alleine aktiv werden, haben aber ein zentrales Problem: Es ist der Umgang mit den knappen Ressourcen. So gäbe es mittlerweile eine Knappheit an Atemmasken oder Schutzanzügen. Zudem fehlt offenbar jede Koordinierung, um eine effektive Behandlung schwerer Erkrankungen zu gewährleisten. Etwa ob sich im Falle einer unkontrollierten Ausbreitung einzelne Krankenhäuser schwerpunktmäßig mit solchen Krankheitsverläufen beschäftigen sollen. Schließlich werden die Krankenhäuser auch weiterhin mit dem üblichen Patientenaufkommen zu rechnen haben.

Es geht somit um die Frage, was der Bundesgesundheitsminister im Verlauf des gestrigen Tages unter „Aktualisierung der Pandemiepläne“ verstand. Bisher scheinen die sich nicht durch Vorbereitung für den Fall auszuzeichnen, den man normalerweise bei einer drohenden Epidemie erwartet. Wenn vor Ort niemand weiß, was er zu tun hat, bleiben die schönsten Pläne Makulatur. Zum anderen ist es eben keine Frage der „kommunikativen Balance“, wie das Problem knapper Ressourcen gelöst werden soll. Hier braucht man eine politische Entscheidung, um Schwerpunktsetzungen zu ermöglichen. So ist die Antibiotika-Produktion schon seit Jahren von Standorten in China abhängig. Daran kann niemand etwas in wenigen Monaten ändern. Aber ein Bundesgesundheitsminister wird unter Umständen entscheiden müssen, wie dieses knappe Gut sinnvoll verteilt werden soll. Politik ist somit mehr als die transparente Information der Öffentlichkeit, oder „situationsabhängig“ zu reagieren, wie es Spahn formulierte. Seit dem Ausbruch der Epidemie in China gab es keinen Anlass, die Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung in Deutschland ausschließen zu können. Ob es in dem Zusammenhang zudem sinnvoll ist, die Quarantäne ganzer Ortschaften und Regionen mit Spahns Hinweis auf die Masern auszuschließen, ist ebenfalls zu bezweifeln. Gegen die Masern sind die meisten Deutschen immun, wenn auch nicht alle. Deshalb kam auch niemand auf die Idee, bei einem Masernausbruch gleich Städte unter Quarantäne zu stellen. Das gilt in gleicher Weise für Spahns Hinweise auf die Selbstverantwortung jedes Einzelnen. Natürlich ist es sinnvoll, sich regelmäßig die Hände zu waschen, oder sich nicht zu oft „in das Gesicht zu fassen“, wie es der Minister formulierte. Nur sollte man das nicht mit dem Outsourcing politischer Verantwortung verwechseln. In Bezug auf China hätte man solche epidemologischen Maßnahmen sicherlich als unzulänglich beurteilt. Kurioserweise hat Peking mittlerweile die Einreise scharfen Restriktionen unterworfen, um die Gefahr einer Reinfizierung zu unterbinden.

Postmodernes Politikverständnis

Ansonsten lieferte der Abend einen Hinweis darauf, wie das postmoderne Politikverständnis die Politik nur noch als Diskurshoheit interpretiert: Es kommt halt auf die Botschaft an. Zwei Journalisten und ein Humorist mit politischer Attitüde vermittelten ihre Bedenken gegen einen CDU-Vorsitzenden namens Friedrich Merz. Der wurde vom Humoristen als „AfD light“ oder als „Otto Rehhagel der deutschen Politik“ verspottet. Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli fand zudem mahnende Worte an die CDU und die FDP, die sich in der Vergangenheit wie AfD-Politiker angehört hätten. Das kann man so machen, wenn es sich auch wie eine Bestätigung der Bedenken gegenüber dem derzeitigen Journalismus anhörte. Jenseits dessen ist aber das dieses Politikverständnis beim Umgang mit einem tatsächlichen Notstand wenig hilfreich.

Eine Epidemie kann man nämlich nicht mit der Diskurshoheit unter Kontrolle bringen. Aber es kann eine Kommunikation hilfreich sein, die die Bürger von der Handlungsfähigkeit ihrer Regierung überzeugt. Dabei hilft es allerdings nicht, die großen Aufgaben im gleichen Atemzug als unerfüllbar zu beschreiben. Oder es „wichtig zu finden, den Bürgern rechtzeitig zu sagen, in welcher Phase wir gerade sind“, wie es Spahn ausdrückte. Diese wollen eher wissen, was die Politik in zukünftigen Phasen zu tun gedenkt. Dass wir uns die Hände waschen sollen, haben wir allerdings mittlerweile verstanden. Viele haben halt nur ihre Zweifel, ob Wasser und Seife das Einzige sein sollen, was der Politik angesichts einer bevorstehenden Epidemie einfällt.

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