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TV-Kritik: „Maischberger“ : „Wandelnde Arzneimittelwerbung“ als Kanzlerkandidat?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu Gast bei Sandra Maischberger: „Ich habe mir abgewöhnt, Dinge auszuschließen.“ Bild: WDR/Oliver Ziebe

Bei Sandra Maischberger muss Jens Spahn einmal mehr die Impfstrategie und die Corona-Maßnahmen der Regierung verteidigen. Auch um die Frage, ob er denn Kanzler werden will, kommt der Gesundheitsminister nicht herum.

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          Was braucht man, um Kanzler zu werden? Nimmt man 15 Jahre unter Angela Merkel als Maßstab, dann hilft es gelegentlich, über den Dingen zu schweben und im Ungefähren zu bleiben. Ihr potentieller Nachfolger, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), ist noch dabei, sich in diese Rolle einzufühlen. Im Bundestag verkauft er den holprigen Impfstart in Deutschland in staatsmännischer Manier als europäischen Erfolg – bei weitreichenden Zusagen lässt er sich aber gern eine Hintertür offen.

          Patrick Schlereth

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          So war es auch bei der jüngsten Ausgabe von „Maischberger: die Woche“. Ob das Versprechen vom Impfangebot für alle im Sommer noch gilt, will die Moderatorin wissen. Ja, sagt Spahn, aber eben nur „Stand heute“, weil die Zulassung für die Impfstoffe von Astra-Zeneca und Johnson & Johnson noch aussteht. „Stand heute“ lautete auch die Formulierung im Deutschlandfunk, mit der Spahn halbherzig seine Kanzlerkandidatur ausschloss. Traumatisierte Eintracht-Frankfurt-Fans werden sich an das „Stand jetzt“ von Coach Niko Kovac vor seinem Wechsel zum FC Bayern erinnert fühlen.

          In einer Sache aber ist Spahn eindeutig. „Ich habe im Bundestag mein Wort gegeben: In dieser Pandemie wird es keine Impfpflicht geben.“ Er sei zwar ein großer Freund von Debatten, zweifle aber daran, dass „die Akzeptanz wächst, wenn wir zu einem solchen Mittel zurückgreifen.“ Damit positioniert er sich gegen die Forderung von CSU-Chef Markus Söder, der ähnliche Beliebtheitswerte wie Spahn vorweisen kann und in den nächsten Monaten sein schärfster Konkurrent um die Kanzlerkandidatur der Union werden könnte.

          Risiken und Nebenwirkungen verschwinden im Kleingedruckten

          Und Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen? Den drei Kandidaten um den CDU-Parteivorsitz traut niemand so recht Kanzlerformat zu, auch Maischbergers Gäste nicht. „Von den dreien überzeugt mich keiner so richtig“, sagt der Kabarettist Urban Priol, wobei Merz „aus kabarettistischer Sicht viel Spaß“ mache, „am besten noch mit Christian Lindner“. Mit Röttgen als CDU-Chef wäre Priol dieser Spaß vermutlich nicht vergönnt, hat der frühere Bundesumweltminister doch deutliche Vorbehalte gegen eine Koalition mit der FDP geäußert. Der stellvertretende „Welt“-Chefredakteur Robin Alexander hält diesen Vorstoß für einen „Riesenfehler“, auch wenn Röttgen dafür „Applaus vom linken Kabarett“ bekomme.

          Aber weg vom parteipolitischen Geplänkel und hin zu den großen Fragen. Haben die EU und Deutschland zu wenig Impfstoff bestellt? Haben sie bei den falschen Herstellern bestellt? Warum impfen Großbritannien, Israel und Bahrain schneller als Deutschland? Und wer ist für das Chaos verantwortlich? Melanie Amann, Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, nimmt Spahn in die Pflicht. Als Gesundheitsminister sei er der politisch Verantwortliche: „Wenn bei der Deutschen Bahn etwas schief läuft, beschwere ich mich auch beim Schaffner.“

          Sie vergleicht Spahn mit einer „wandelnden Arzneimittelwerbung“, für Risiken und Nebenwirkungen müsse man erst das Kleingedruckte lesen. Er verstehe sich auf vollmundige Versprechen, bleibe bei den Details aber vage, etwa bei der Frage, wie die zwei Milliarden für die EU unter den Mitgliedsstaaten verteilt werden sollen. Unterstützung erhält Amann vom Journalistenkollegen Alexander, der sich über Spahns Auftritt im Bundestag empört: Der Gesundheitsminister habe dort einen „riesigen Pappkamerad aufgebaut und ist damit ärgerlicherweise im Parlament auch noch durchgekommen“.

          Spahn hatte einen langen Tag: Nachtkonferenz mit der Kanzlerin, früh ein Telefoninterview mit dem Deutschlandfunk, mittags die Regierungserklärung im Bundestag. Nach Verlängerung und Elfmeterschießen im DFB-Pokal ist es Mitternacht, bis Spahn bei Maischberger sitzt und sich mit altbekannten Vorwürfen herumschlagen muss. Deutschland habe sich genug Impfstoff gesichert, auch den zuerst zugelassenen von Biontech, versichert er. Der frühe Impfstart in Großbritannien und Bahrein sei nur aufgrund einer Notzulassung möglich gewesen. Die EU habe sich bewusst gegen diesen Schritt entschieden, auch um das Vertrauen in den Impfstoff zu gewährleisten.

          Aber hätte man mit einem früheren Impfstart nicht Leben retten können, fragt Maischberger. Darauf lässt sich Spahn nicht ein, denn „die Todeszahlen, die wir heute beklagen, haben zu tun mit der Situation vor 14 Tagen.“ Impfen sei „der Weg raus“ aus der Pandemie, auf die Einschränkungen hätte man aber auch mit mehr Impfstoff nicht verzichten können. „Israel und Großbritannien sind im Voll-Lockdown, obwohl sie mehr geimpft haben als wir.“

          Spahn: „Ich habe mir eines abgewöhnt: Dinge auszuschließen.“

          Keine Prognose wagt Spahn hinsichtlich der Frage, was diese düsteren Aussichten für die Corona-Regeln in Deutschland bedeuten, aber die braucht es auch nicht. Angesichts der hohen Infektions- und Todeszahlen und dem unkalkulierbaren Risiko einer noch ansteckenderen Virusmutation dürfte jedem klar sein, dass eher Verschärfungen als Lockerungen anstehen. Von Anfang an habe man die Bürger darauf eingestimmt, „dass der Winter hart wird. Und der Winter geht bis März.“ Zur Frage von Betriebsschließungen sagt Spahn zunächst lapidar „wir diskutieren mit Arbeitgebern und Gewerkschaften“ und auf Maischbergers mehrmalige Nachfrage dann vielsagend: „Ich habe mir eins abgewöhnt: Dinge auszuschließen.“

          Apropos ausschließen und „Stand heute“: Was es für seine eigenen Karrierepläne bedeute, wenn das mit dem Impfen bis zum Sommer nicht hinhaue, will Maischberger noch wissen. „Wir sind in einer Jahrhundertpandemie“, darauf liege sein Fokus und es gehe ihm „nicht um mich“. Der Richtungsstreit in der CDU sei „unter der Pandemieoberfläche auch noch da“ und er habe gut in Erinnerung, wie man vor der Pandemie miteinander umgegangen sei. Für die Zukunft der Partei hält es Spahn für unabdingbar, „dass wir nicht nur den Kanzler stellen, sondern auch eine Kanzlerschaft daraus erwächst.“ Wenn das mal nicht staatsmännisch formuliert ist.

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