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TV-Kritik: „Maischberger“ : Corona und der deutsche Musterschüler

  • -Aktualisiert am

Mit der gleichen Begründung könnte man zwar auch die Maskenpflicht in Fernsehstudios einführen, weil ein Superspreader etwa unter Talkshowgästen nicht ausgeschlossen werden kann. Auf die Idee kommt aber niemand, weil sich der politische Nutzen dieser Maßnahme in überschaubaren Grenzen hält. Der Düsseldorfer Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat das nicht aus Gründen des Gesundheitsschutzes eingeführt, sondern um den vor allem aus Bayern vermittelten Eindruck des seuchenpolitischen Hallodris zu zerstreuen. Er will schließlich weiterhin CDU-Parteivorsitzender werden. Dann kann man auch Fahrschülern zwischen Rhein und Ruhr von morgens sieben Uhr bis nachmittags um 17 Uhr bei hochsommerlichen Temperaturen den Mund-Nasen-Schutz verordnen.

Zerrbild schwedischer Politik

Dass am deutschen seuchenpolitischen Wesen die Welt genesen könnte, zeigte sich zudem an der Diskussion über Schweden. Das einst als nordischer Musterstaat bewunderte Land gilt bei uns längst als eine Art potenzierter Laschet. Unverantwortlichkeit zu unterstellen ist noch einer der mildesten Vorwürfe. Dabei erfindet sich man sich zuweilen auch einfach ein schwedisches Modell. So meinte die ARD-Moderatorin Anna Planken, selbst der schwedische Chefepidemiologe Anders Tegnell habe seine Politik in Frage gestellt.

Mit Abstand: Christina Berndt, Rudolf Wöhrl, Anna Planken und Sandra Maischberger
Mit Abstand: Christina Berndt, Rudolf Wöhrl, Anna Planken und Sandra Maischberger : Bild: WDR/Max Kohr

Das stimmt zwar, und könnte uns Deutschen wahrscheinlich nie passieren, aber anders als Planken denkt. Tatsächlich hatte Tegnell erst am Montag in einem Interview mit der Bild-Zeitung eindeutig klargestellt, was damit gemeint war: „Unser größtes Versagen lag im Bereich der Langzeit- und Altenpflege. Unsere regionalen Ämter hätten besser vorbereitet sein müssen, dann hätte es weniger Tote geben.“

In Schweden will niemand die Kinder zehn Stunden lang unter die Maske zwingen. Aber Tegnell will auch nicht CDU-Parteivorsitzende werden, so ist zu vermuten. In gleicher Weise kam die Wissenschaftsredakteurin der „Süddeutsche Zeitung“, Christina Berndt, auf die merkwürdige Idee, die Schweden könnten wegen der Tatenlosigkeit der Regierung ihre Kontakte gewissermaßen aus Selbsthilfe reduziert haben. Das ist zwar ein Zerrbild der schwedischen Politik, aber umso bezeichnender für die Debatte der deutschen Musterschüler.

Rückblick auf 2015

Insofern war es doch ganz erfrischend, als am Ende noch der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und die Abiturientin Hazar Abaza über ein Thema diskutierten, was vor fünf Jahren alle Schlagzeilen dominierte. Die Flüchtlingspolitik bewegte damals die Gemüter, wobei der frühere Innenminister den Gestus des humanitären Musterschülers gerade nicht bemühte. Er machte die Widersprüche deutlich, die ihn persönlich und politisch belasteten.

Ein Satz war allerdings erwähnenswert. De Maizière erinnerte an die Situation vor wenigen Monaten an der griechisch-türkischen Grenze. Damals versuchten Flüchtlinge mit Unterstützung der Regierung in Ankara den Grenzdurchbruch in die EU. Das hätten wir „ausgehalten“, so de Maizière, und „alle fanden das richtig.“ Das sei anders gewesen als 2015. Das passiert halt, wenn die Politik auf die Wirklichkeit trifft. Und das sogar den deutschen Musterschülern.

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