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TV-Kritik: Maischberger : Modernes Leben

  • -Aktualisiert am

Joachim Gauck während der Sendung von Sandra Maischberger Bild: WDR/Max Kohr

In Sandra Maischbergers erster Sendung nach der Sommerpause geht es um drängende Fragen unserer Zeit. Nicht jede Debatte erweist sich als zielführend. Ausnahme: Das Gespräch mit Joachim Gauck.

          Medien sind eine faszinierende Sache, vor allem wenn sie die Widersprüche unseres modernen Lebens offenbaren. So genoss an diesem Mittwoch die Klimaaktivistin Greta Thunberg ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Sie reist mit einer Hochleistungsrennyacht über den Atlantik. Also auf einem Spielzeug der Reichen und Superreichen, die wahrscheinlich selbst Pferdesport, das klassische Hobby gut situierter Kreise, für eines der niederen Stände halten.

          Natürlich kam diese Seereise zur Sprache, wie fast alles zur Sprache kam, was in den vergangenen Wochen so passiert ist. Die Symbolik solcher Aktivitäten zum Klimawandel ist nicht unproblematisch, wie es der Publizist Wolfram Weimer zum Ausdruck brachte. Trotzdem kürte er Thunberg in der journalistischen Kommentatoren-Loge zur Gewinnerin der Woche.

          Gedankengänge eines Großindustriellen

          Soviel zum Klimawandel. Es gibt aber noch andere Themen – etwa Afrika, oder besser formuliert: Die Gedankengänge des Großindustriellen und Schalke-04-Enthusiasten Clemens Tönnies. Er hatte die seltsame Idee, die Zeugung von Kindern könnte mit der Verfügbarkeit von elektrischen Strom negativ korrelieren, allerdings nur in Afrika. Der Vorwurf des Rassismus stand im Raum, weshalb Sandra Maischberger den früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Charles M. Huber und die CDU-Politikerin Simone Baum eingeladen hatte. Letztere vertritt in ihrer Partei den konservativen Flügel namens „Werte-Union“, der sich regelmäßig mit der ihr feindlich gesonnenen „Union der Mitte“ aufschlussreiche Wortgefechte liefert.

          Das kam gestern Abend nicht zur Sprache, obwohl ansonsten wirklich nichts ausgelassen wurde, was Menschen hierzulande bewegen könnte. Hier wurde es allerdings für den Zuschauer kompliziert: Huber lebt mittlerweile im Senegal und war offenbar extra für diese Sendung angereist. Die moderne Verkehrsinfrastruktur namens Luftfahrt macht das zu erschwinglichen Preisen möglich. Huber wollte aber scheinbar nicht mit Frau Baum diskutieren, sondern mit dem Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin, Günter Nooke. Dieser hatte nach den Äußerungen von Tönnies eine „ehrliche Debatte“ über die Probleme Afrikas angemahnt. Damit kann er aber auch nicht gemeint haben kann, Dunkelheit als zwingende Voraussetzung für den Vollzug des Geschlechtsverkehrs anzusehen.

          Afrikabeauftragter schmerzlich vermisst

          Nicht zuletzt wegen dieser Stellungnahme war Huber vor wenigen Tagen aus der CDU ausgetreten. Nooke wiederum, wohl eingeladen, wollte aber nicht über Rassismus, sondern nur über Afrika reden – somit nicht mit Huber, der aber zu seinem Leidwesen jetzt mit Frau Baum, obwohl diese eingestandenermaßen nichts von Afrika verstand.

          So wurde die Rekonstruktion dieser Gesprächsrunde fast schon so kompliziert, wie die Analyse der Probleme des afrikanischen Kontinents. Tatsächlich erzählte Tönnies haarsträubenden Unsinn, der aber nichts mit Afrika oder Rassismus zu tun hat. In der Demographie gilt nämlich der Zusammenhang zwischen Fertilitätsraten und kollektiven Alterssicherungssystemen als gesicherte Erkenntnis. Viele Kinder zu haben, ist rational, wenn die Familie die einzige Grundlage für die Existenzsicherung im Alter darstellt. Das ist in Europa nicht anders als in Afrika. Mit dem Aufbau kollektiver Sicherungssysteme ändert sich diese Logik. Die Hautfarbe spielt keine Rolle.

          Viele afrikanische Staaten haben deshalb schlicht ein gesellschaftliches Modernisierungsdefizit, das paradoxerweise demographisch durch die nachweisbaren Erfolge der vergangenen Jahrzehnte noch verschärft wird: Auch in Afrika ist die Lebenserwartung gestiegen und die Kindersterblichkeit gesunken. Ob Nooke und Huber bis zu dieser sozialwissenschaftlich trivialen Erkenntnis vorgedrungen wären, ist leider zu bezweifeln. Sie war auch nicht von Frau Baum, oder vom in die Debatte einbezogenen Publikum, zu hören.

          Schlusspunkt als Tiefpunkt

          So war dieser Schlusspunkt der Sendung zugleich ihr intellektueller Tiefpunkt. Ansonsten wussten immerhin die journalistischen Kommentatoren zu überzeugen. Etwa Kabarettistin Idil Baydar, die davon sprach, ihr „Aufreger-Potential“ sei verbraucht. Um aber nicht zu langweilig zu wirken, brachte sie immerhin die Möglichkeit eines „grünen Kapitalismus“ ins Spiel oder auch die These eines „rassistischen Systems“, in dem wir groß geworden seien.

          Der Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges beschäftigte sich mit Italien, wo er etwa Silvio Berlusconi als „Ersatzteillager“ etikettierte. Die Lage der Sozialdemokratie war unter den drei Kommentatoren ebenfalls ein Randthema, was allmählich ihrer Bedeutung entspricht. Jörges nannte die Kandidatur von Ralf Stegner und Gesine Schwan für den Parteivorsitz paradox, weil sie die Probleme der Partei verstärke „statt sie zu lösen.“ Laut Weimer „sehen wir zu, wie eine große deutsche Volkspartei gerade zerfällt.“ Das sei tragisch. Er plädierte für die Kandidatur des Bundesfinanzministers Olaf Scholz, wogegen Jörges über Überlegungen aus der SPD-Parteizentrale berichtete. Dort denke man über eine Kandidatur von Bundesaußenminister Heiko Maas mit der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli nach. Das war eine Nachricht mit Neuigkeitswert, unabhängig von der Frage, ob das eine Lösung sozialdemokratischer Probleme wäre.

          Ansonsten war man sich über die gravierenden politischen Veränderungen einig. Der Verfall der beiden Volksparteien ist deren Ausdruck. Jörges befürchtete allerdings eine Langzeitwirkung, die er mit der Spaltung der Vereinigten Staaten seit dem Bürgerkrieg in Nord- und Südstaaten verglich. Interessanterweise ist aber der ein Jahrhundert lang demokratisch dominierte Süden erst Ende der 1960er Jahre zur Hochburg der Republikaner geworden. Das macht den Demokraten in den Vereinigten Staaten bis heute strukturell zu schaffen.

          Altbundespräsident im Studio

          Hier kommen wir zum Höhepunkt dieser Sendung. Im Mittelpunkt stand ein Interview mit dem früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck. Er wies auf die schon seit 1990 feststellbaren Unterschiede im Wahlverhalten der Ostdeutschen hin. Was ihn gestern Abend besonders auszeichnete, war seine Mischung aus Humor und analytischen Verstand. So nannte er die denkbare Verleihung des Friedensnobelpreises an Greta Thunberg „originell“, womit eigentlich alles gesagt ist. Oder kommentierte seinen von den „Medien aufgearbeiteten“ Bootsunfall mit der Feststellung, „es möge niemals etwas Schlimmeres passieren als dort zu kentern, wo man im Wasser stehen kann.“

          Er hatte etwas zur Lage der Ostdeutschen 30 Jahre nach dem Mauerfall zu sagen, ohne sich bei ihnen anzubiedern. Die DDR sei keine „Hölle“ gewesen, bedeutete vielmehr die Ohnmacht des Bürgers gegenüber dem Staat. Revolutionen seien zudem dazu da, „dass diejenigen, die geherrscht haben, traurige Augen machen.“ Mehr hatten sie auch nicht zu befürchten, so ist zu ergänzen – im Gegensatz zu den vielen Ostdeutschen, die nach dem Absturz der ostdeutschen Wirtschaft einen Neuanfang machen mussten, wie er für die Westdeutschen kaum vorstellbar war.

          Gauck plädierte für einen Toleranzbegriff, der dessen Kern ausdrückt. Schlicht zu ertragen, „dass es Leute gibt, die anders denken als ich.“ Das hieß für ihn nicht, keine Grenzen zu setzen. So will Gauck nicht mit einem Alexander Gauland diskutieren, weil dieser die „Zusammenarbeit mit Leuten akzeptiert“, die für ihn „schon im rechtsextremistischen Lager stehen.“ Die AfD mag er nicht, wie er es formulierte. Nur müsse man niemanden mögen, um mit ihm zu reden. So könne er zwar gefühlsmäßig verstehen, warum kein AfD-Kandidat für das Amt des Bundestagsvizepräsident eine Mehrheit im Parlament bekommt. Er halte es aber trotzdem für politisch unklug.

          Impulse für Gesprächsfähigkeit

          Der frühere Bundespräsident wirkte völlig anders als unsere gesellschaftlichen Debatten. Locker, fast entspannt, plädierte er für Lust an der politischen Kontroverse, zugunsten des Ringens für das bessere Argument. Bei ihm war nichts von der Verbissenheit zu spüren, die die Stimmung im Land mittlerweile prägt. Nichts von jenem Lagerdenken, das er etwa für die Vereinigten Staaten diagnostizierte. Auf die Frage nach seinem Empfinden bei einer möglichen Wiederwahl von Donald Trump antwortete er trocken: Das stimmte ihn „zwar traurig“, aber er werde es überleben. Entsprechend schrieb er den „liberalen und progressiven Bevölkerungsgruppen“ bemerkenswerte Sätze ins Stammbuch. Diejenigen, die „etwas konservativer oder linksradikal sind“ könnten mittlerweile glauben, sie gehörten „nicht mehr dazu.“ In einer Gesellschaft, die von zunehmender  Desintegration geprägt wird, sind solche Impulse für Gesprächsfähigkeit keineswegs mehr selbstverständlich. Deshalb muss man aber nicht gleich der Neigung verfallen, Gaucks Worte als ewige Wahrheiten zu kanonisieren. Manchen Pastoren soll dieses Phänomen nicht unbekannt sein.

          So hatte sich für Charles Huber der Flug vom Senegal nach Köln doch noch wegen dieses Interviews mit Joachim Gauck gelohnt. Schließlich hatte Greta Thunberg auf ihrer Pressekonferenz vor Reiseantritt auf die größere Aufmerksamkeit eines Liveauftritts hingewiesen. Das könnten Videoeinspielungen nicht kompensieren. Damit hatte sie recht, entspricht aber den Widersprüchen moderner Gesellschaften. Das gilt übrigens auch, wenn man auf den Spielzeugen der Reichen den Atlantik überquert, um das Klima zu schützen.

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