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TV-Kritik „Illner“ : Innehalten nach einem unfassbaren Anschlag

Ein gutes Beispiel für eine politische Talkshow, die zum Nachdenken anregt: Bei „Maybritt Illner“ wurde über den rassistischen Anschlag in Hanau diskutiert. Bild: ZDF / Claudius Pflug

Ist die Talkshow das adäquate Format, um über das rechtsradikale Attentat von Hanau zu diskutieren? Bei Maybrit Illner gelang es, durchzuatmen und konstruktive Gedanken zum Alltagsrassismus und zum Kampf gegen Verschwörungstheoretiker zu formulieren.

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          Nach einem langen Tag der Berichterstattung über den rassistischen Mordanschlag von Hanau waren Zweifel angebracht, ob ausgerechnet eine Talkshow den richtigen Ton finden konnte, um über Ursachen und Konsequenzen nachzudenken. Denn allzu oft geht es dort schrill, zugespitzt und undifferenziert zu – wo es ja schon auf Nachrichtenseiten, in Kommentarspalten und sozialen Medien laut ist. Doch solche Zweifel konnte die Runde bei Maybrit Illner am Donnerstagabend schnell ausräumen. Es ging nachdenklich zu, kaum Plattitüden waren zu hören, die Moderatorin ließ die Gäste längere Gedankengänge ausführen und hakte nach, wo Fragen offen blieben.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Dass eine so zivilisierte Diskussion zustande kam, ist ein Beleg dafür, dass die demokratischen Institutionen entgegen einem verbreiteten Eindruck sehr wohl würdige Vertreter der Wähler und der Zivilgesellschaft hervorbringen. Sie tragen nach solchen außergewöhnlichen Ereignissen dazu bei, einen angemessenen Umgang damit zu finden. Einigkeit herrschte darüber, dass unabhängig von der psychischen Verfassung des Täters Tobias R. die gesellschaftliche Stimmung rassistische Taten begünstige. „Menschen werden zu Mördern, weil in dieser Gesellschaft die Gewalt geschürt wird“, sagte Armin Laschet (CDU), der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Dabei ließ er keinen Zweifel, dass er Einflüsse anonymer Stimmen im Internet genauso als Ursache versteht wie die Sprache von Abgeordneten in den Parlamenten.

          Die Journalistin Kübra Gümüsay beklagte, Warnungen seien nicht ernst genug genommen worden. Die Mordserie der rechtsradikalen Terrorgruppe NSU habe in Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund das Vertrauen in Sicherheitsinstitutionen schwinden lassen. „Ich wünschte mir, ich hätte unrecht gehabt all die Jahre“, sagte sie. Die Gefahr von rechts sei schon damals nicht ernst genug genommen worden, ergänzte die stellvertretende Parteivorsitzende der Linken, Janine Wissler. Es sei höchste Zeit, über das gesellschaftliche Klima und institutionellen Rassismus zu sprechen.

          Janine Wissler: „Hessen hat militante Neonazi-Struktur“

          Diese Forderung nahm Moderatorin Illner auf. Beiden Themen widmete sie einen großen Teil der Diskussionsrunde. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) sagte, ihre Gedanken seien bei den Bevölkerungsgruppen, die Angst vor Angriffen haben müssten. Sie nannte Muslime, Juden, Sinti und Roma sowie Homosexuelle, die sich zunehmender Bedrohung ausgesetzt sähen. „Wir müssen unsere Stimme erheben gegen die, die Sprache entgrenzen“, sagte sie.

          Tiefere Einblicke in die Wirkung von gesellschaftlichen Diskursen auf rassistische Gewalttäter lieferte der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Die Tat sei als terroristisch einzustufen, weil sie vorbereitet und geplant sowie politisch gewesen sei. Das 24-seitige Pamphlet, mit dem R. sie begründet hat, ist ein Beleg dafür. Er habe extreme Vernichtungsphantasien gehabt und von der Ausrottung ganzer Völker phantasiert. Eine narzisstische Dimension seines Charakters habe sich mit seinem rassistischen Weltbild vermischt. Er habe sich auf Medienberichte über Ausländerkriminalität bezogen. „Pauschalisierungen können auch aus dem Mainstream kommen“, sagte Quent. Werde von der Tat eines Einzeltäters gesprochen, werde die gesellschaftliche Dimension verkannt.

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