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TV-Kritik „Ich stelle mich“ : Günter Wallraff enthüllt sich selbst

  • -Aktualisiert am

Günther Wallraff bei Sandra Maischberger Bild: WDR/Melanie Grande

Keine Angst vor Kritik: Der Journalist zeigt in Sandra Maischbergers „Ich stelle mich“, wie Selbstzweifel und Sendungsbewusstsein zusammengehen. Es ist die bisher beste Folge der Sendung.

          Mag sein, dass Norbert Blüm recht hat, als er ins Rampenlicht trippelt, Günter Wallraff als guten Menschen bezeichnet und sagt: „Etiketten sind was für Flaschen.“ Einer Sendung allerdings, die „Ich stelle mich“ heißt, erlauben die Etiketten, die einem Prominenten wie dem Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff von anderen aufgeklebt wurden, den perfekten Kick-Start mit der Frage: „Ist er ein absoluter Egomane, dem es nur um Selbstinszenierung geht? Starrköpfig, mehr Denunziant als Journalist?“

          Wallraff kennt den Ton. Er wird im Oktober 72 Jahre alt. Die uncharmanten Charakterisierungen erinnern den Mann in der Lederjacke daran, wie ihn Franz-Josef Strauß einmal als „Untergrund-Kommunisten“ bezeichnete. Trotzdem wirkt er angespannt, als die Sendung beginnt. Die Stimme aus dem Off sagt: „Oder ist er als Undercover-Ermittler ein moderner Robin-Hood, ein mutiger Kämpfer gegen Ausbeutung?“

          Ein unliebsamer Kritiker

          Sandra Maischberger lächelt ihrem Gast konzentriert zu. So begegnete sie schon ihren Gesprächspartnern in den ersten drei „Ich stelle mich“-Sendungen, mit denen die Moderatorin in die Fußstapfen Claus Hinrich Casdorffs trat. Heiner Lauterbach, Wolfgang Bosbach und Sahra Wagenknecht sorgten in den ersten Folgen des wiederbelebten Formats für recht gute, mit Blick auf die DDR-Jugend von Wagenknecht, sogar spannende Stunden.

          Allerdings traten diese drei Gäste auch teflonhaft selbstgewiss auf. Günter Wallraff hingegen sagt zum Auftakt, er habe zwar vieles bewirkt. Im Grunde aber sei er „von Selbstzweifeln geplagt“, ja, es koste ihn sogar Überwindung, der Einladung in Talkshows zu folgen. Von da an ist klar, dass diese vierte „Ich stelle mich“-Sendung die gelungenste sein wird.

          Marke oder Mensch? Die Fragen, die Günter Wallraff Konzernen stellt, richten andere auch an ihn.

          Denn wenn es sein muss, enthüllt sich ein Wallraff auch selbst. Das beginnt mit dem Blick in eine Akte aus seiner Bundeswehrzeit, in der Wallraff – der Buchhändler, der Gedichte schrieb und trotz Verweigerung zum Kriegsdienst eingezogen worden war – als „aus psychiatrischer Sicht hoch-abnorme Persönlichkeit“ beschrieben wird. Die Akte überließ Wallraff dem Militärhistorischen Museum in Dresden. Sie macht anschaulich, mit welchen Mitteln die Bundeswehr den unliebsamen Kritiker zu diskreditieren versuchte, der in der Jugendzeitschrift „twen“ ein Bundeswehr-Tagebuch schrieb.

          Am Ende steht die Massentauglichkeit

          Dennoch fragt Maischberger, ob an der Beschreibung nicht auch etwas dran sei. Und Wallraff erzählt, sehr introvertiert gewesen zu sein. Er sei an Herausforderungen gewachsen. So sei es auch mit den Undercover-Storys, die ihn bis in seine Träume verfolgten: „Da ist immer eine enorme Überwindung von Angst dabei.“ Über die Jahre sei er vom „teilnehmenden Beobachter“ zum „agierenden bis provozierenden Teilnehmer“ geworden und mit einer Kamera im Rücken sogar zum Regisseur und Schauspieler.

          Also doch: eine Inszenierung? Das lässt Wallraff nicht auf sich sitzen. Sein Job dient einem wichtigen Zweck: dem Kampf gegen ein Unterdrückungssystem. Dass das nicht jeder versteht, liegt auch an Wallraffs Wortschatz, der aus den Sechzigern stammt. Maischberger lässt Wallraff mit Roland Tichy von der „Wirtschaftswoche“ allein. Der lobt den frühen Günter Wallraff, das Denkmal.

          Über die Jahre sei der Journalist aber zur „Marke“ geworden, zu einem Kammerjäger, der dem letzten Staubkorn nachjage, während die von ihm und seinen Mitarbeitern enthüllten Skandale aus guten Gründen immer kleiner würden: „Es geht doch vorwärts.“ Wallraff schüttelt den Kopf. Vor Augen hat er die prekären Jobs der Callcenter-, Paketdienst- und Fastfood-Gesellschaft: „Es sind keine einzelnen Missstände, es sind auswachsende Zustände.“

          Doch bevor der Disput sich auswachsen könnte, drängt die Sendezeit. Als ihr Gespräch abgebrochen wird, sehen Tichy und Wallraff wie enttäuschte Teilnehmer bei „Jugend debattiert“ aus. Und wir müssen mit ansehen, wie Wallraff mit einem abgewetzten Schläger gegen Tischtennis-As Jörg Roßkopf kämpft und danach auf irritierend sinnliche Weise seine Steinsammlung berührt: „Das sind immer sehr erotische Formen.“ So gnadenlos ist der WDR-Showplan, dass man sich fast einen Wallraff herbeiwünscht, der undercover über den Druck berichtete, unter dem Fernsehproduktionen heute auf Massentauglichkeit getrimmt werden. Aber da müsste er vermutlich im eigenen Haus, bei RTL, anfangen.

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