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TV-Kritik: Hart aber fair : Im deutschen Paralleluniversum

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Trotzdem diagnostizierte Hacke einen „Offenbarungseid“ für die amerikanische Nahostpolitik. Den eigentlichen Offenbarungseid hatte er leider übersehen, den musste das Regime in Teheran leisten. Golineh Atai machte deutlich, was darunter zu verstehen ist. Der Absturz des Passagierflugzeugs sei „der Höhepunkt des moralischen Bankrotts eines Systems, das Religion für Politik missbraucht." Die frühere Auslandskorrespondentin des WDR schilderte die Unfähigkeit des Regimes, elementare Staatsfunktionen sicherzustellen, um vor allem der Jugend eine Perspektive zu bieten. Das bedeutet noch nicht den bevorstehenden Sturz der Islamischen Republik, aber den Kollaps jener islamischen Werte, die der schiitische Islamismus seit dem Jahr 1979 als Gegenentwurf zur westlichen Dekadenz proklamiert hat. Tatsächlich repräsentiert das Regime in Iran den Zynismus einer um das Überleben kämpfenden herrschenden Klasse. Viele Beobachter im Westen brauchten wohl erst die vergangenen Tage, um diese Wirklichkeit hinter der propagandistischen Fassade überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Eine Golineh Atai gehörte noch nie dazu.

Ist ein Machtvakuum gar nicht so schlimm?

Ansonsten würde sich niemand mehr die Frage stellen, ob dieser Zynismus durch diplomatische Rücksichtnahme besänftigt werden muss. So kritisierte nicht nur Hacke die offene Unterstützung des amerikanischen Präsidenten für die iranische Opposition. Aber glaubt jemand in Europa, damit ein Entgegenkommen Teherans zu erreichen? Iran wird deshalb weder die innenpolitischen Repressalien beenden, noch auf die Durchsetzung seiner außenpolitischen Ziele verzichten. Diese Unzulänglichkeiten in der politischen Analyse zeigten sich nicht zuletzt bei der Debatte um das von den Vereinigten Staaten gekündigte Atomabkommen. Das war vor vier Jahren nur möglich geworden, weil die Vereinigten Staaten auch schon unter früheren Präsidenten keinen Zweifel daran gelassen hatten, eine iranische Atombombe als Kriegsgrund zu betrachten. Davon war am Montag nicht die Rede. Verhandlungen funktionieren mit solchen Regimen halt nur, wenn Kompromissfähigkeit mit der Androhung eines empfindlichen Übels bei Ablehnung kombiniert wird. Iran wusste das schon immer, und handelte deshalb machtpolitisch rational. Das meinte Jürgen Trittin aber nicht, als er in Teheran eine unter Umständen größere Rationalität als bei der aktuellen Regierung in Washington vermutete.

Was damit eher gemeint war, formulierte Christian Hacke in einem unbedachten Moment. Vielleicht sei das „Machtvakuum“ nach einem Rückzug des Westens im Nahen Osten „gar nicht so schlimm, wie alle meinen.“ Kissinger beschrieb die Lage vor fünf Jahren anders. Der Vormarsch der sunnitischen Gotteskrieger entlang der Grenzen des Iran könnte „seine Führer zum Nachdenken bewegen“. Aber es sei ebenso möglich, dass „Teheran eine strategische Landschaft erblickt, die sich zu seinen Gunsten verändert und seinen revolutionären Kurs bestätigt.“ Für welche Option sich Iran entscheide, werde „von seinen Kalkulationen und nicht von vorgefassten Meinungen in den USA bestimmt werden.“ Ein solcher Realismus ist zwar fünf Jahre später in den verfeindeten Lagern in Washington nicht mehr zu finden. Dafür könnten allerdings unsere „vorgefassten Meinungen“ vor allem das Ergebnis unserer Schwäche sein. Insofern formulierte diese Sendung wohl nicht das, was man Teheran zur Zeit vermitteln sollte.

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