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TV-Kritik: Hart aber fair : Scheinheiligkeit auf Nebenkriegsschauplätzen

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg und seine Diskussionsrunde zum Thema „Fluchtziel Europa“ Bild: WDR/Oliver Ziebe

Deutsche außenpolitische Debatten zeichneten sich zwar schon immer durch ihren Realitätsverlust aus, aber in einem Punkt haben die Grünen vom amerikanischen Präsidenten gelernt: Sie übernehmen seine Methode.

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          Am gestrigen Montag ist nichts passiert – außer einem veritablen Börsencrash, dem drohenden Kollaps eines der besten Gesundheitssysteme der Welt in der Lombardei und anschließend der Ausrufung Italiens zum epidemiologischen Notstandsgebiet. Damit ist eine der größten Volkswirtschaften Europas in der gleichen Lage wie im Januar die Volksrepublik China.

          Nur wird sich die Welt hier leider nicht von einer staatlichen Propagandamaschine davon überzeugen lassen, alles unter Kontrolle zu haben. Das gälte sogar für den Fall, dass Italien im Rekordtempo zwei Krankenhäuser fertigstellen sollte, und sicherlich auch für den türkischen Gesundheitsminister in Ankara. Er empfahl allen Türken in Europa die häusliche Quarantäne. In seinem Land gibt es aber keine Epidemie, weil es noch keine bestätigte Infektion mit dem Virus gibt, so ist zu hören. Angesichts dessen scheint es keine guten Gründe zu geben, die Türkei zu verlassen.

          Womit wir beim Thema von „Hart aber fair“ sind: „Fluchtziel Europa – was haben wir aus 2015 eigentlich gelernt?“ Zu Beginn fand Moderator Frank Plasberg warmherzige Worte: Natürlich hätte man diese Sendung auch über das Coronavirus machen können, so seine Auskunft angesichts zweier „zu erwartender Todesfälle in Deutschland.“ Aber dann hätte man über das „Verhältnis zwischen begründeter Vorsicht und Hysterie reden müssen.“ Als wäre außerhalb Deutschlands so gar nichts passiert.

          Unsere Weltoffenheit ist eine Schimäre

          Dieser Einstieg war paradigmatisch für diese Ausgabe, aber wohl auch für den Zustand der deutschen Politik. Unsere Weltoffenheit ist eine Schimäre, sie nimmt den Rest der Welt nicht wahr. Unser Blick reicht noch nicht einmal bis in die Lombardei, eines der ökonomischen Kraftzentren des alten Kontinents. Stattdessen sind manche Zeitgenossen beseelt von der eigenen Rührung. Zugleich sind sie der Meinung, Deutschland sei der Nabel der Welt, da kuriert vom Nazismus als deutschem Alleinstellungsmerkmal.

          So diskutierten die fünf Gäste 75 Minuten lang nicht über eine europäische Krise an den EU-Außengrenzen, sondern zumeist über ihr Gefühlsleben. Um das zu vermeiden, hätte man lediglich zwei Aussagen zur Kenntnis nehmen müssen. Die eine wurde vom türkischen Präsidenten in einem Einspieler formuliert. Dort forderte Erdogan Griechenland auf, die Grenzen nach Zentraleuropa zu öffnen. Schließlich wollten die Flüchtlinge nicht in Griechenland bleiben. Zugleich sieht er darin die Möglichkeit, die EU dauerhaft zu destabilisieren. Auf dieser Grundlage erübrigt sich normalerweise jede weitere Debatte über die Notwendigkeit eines Schutzes der europäischen Außengrenzen. Sie wird von Ankara selbst als feindseliger Akt und Aggression definiert. Die archaischen Bilder vom Versuch zum gewaltsamen Grenzdurchbruch passen dazu, genauso wie die Reaktionen der griechischen Grenzpolizei.

          „Marodierende Horden“

          Nun könnte man über die angemessene Reaktion der Europäer rational diskutieren. Die nordrhein-westfälische CDU-Politikerin Serap Güler hielt den Schutz der EU-Außengrenzen für unabdingbar, die Aktivistin Liza Pflaum vertrat dagegen eine Politik der „offenen Grenzen.“ Welche Idee sich durchsetzen wird, muss am Ende der Wähler entscheiden. Stattdessen gab es eine Neuauflage jener Symboldebatten, wo Meinungsunterschiede zum Kampf zwischen Gut und Böse werden. Böse ist nach Meinung des Kabarettisten Florian Schroeder etwa der Redakteur der „Bild“-Zeitung, Ralf Schuler: Dieser titulierte die mit mittelalterlichen Methoden die griechischen Grenzanlagen attackierenden Migranten als  „marodierende Horden“. Schroeder beklagte dann auch den „Kontrollverlust bei den Bildern und der Sprache.“

          Seit wann es allerdings einen völkerrechtlichen Anspruch auf gewaltsame Grenzdurchbrüche geben soll, blieb ein Rätsel. Für Schuler wiederum betätigte sich sein Kontrahent „als Idiot Erdogans“.  Den beklagten Kontrollverlust dokumentierte Schroeder gleich selbst: Ihn schockiere, „mit welcher Gleichgültigkeit wir mir den Flüchtlingen an der griechisch-türkischen Grenze umgehen.“ Europa verhalte „sich fast schon barbarisch", so der Kabarettist.

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