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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Wie man Feinde erfindet

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So hatte Plasberg diese Sendung bestimmt nicht gemacht, um der AfD einen Gefallen zu tun. Auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen. Vielmehr wurde gestern Abend über die Dokumentation „Das Mädchen und der Flüchtling“ diskutiert, die sich mit dem Kriminalität von Flüchtlingen beschäftigte. Sie war gerade nicht als politisches Statement konzipiert, sondern bemühte sich um eine sachliche Aufarbeitung dieses Problems. Dass es eines ist, kann niemand bestreiten.

Der Anteil der Flüchtlinge bei schweren Gewaltdelikten ist signifikant höher als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Nur ist nicht jeder Flüchtling deshalb gleich ein Gewalttäter, noch nicht einmal die Mehrheit von ihnen. Aber wenn in wenigen Jahren weit mehr als eine Million Menschen zuwandern, setzt das Gesellschaften unter einen gewaltigen Stress. In der Dokumentation von Christian Gropper und Kai Diezemann kommt das in einem eher beiläufigen Nebensatz zum Ausdruck. Die Situation auf dem Darmstädter Luisenplatz empfänden einige Darmstädter nach der Zuwanderung als „lebendiger“, andere dagegen als „fremder“. Straftaten, wie der Mord an einer Schülerin in Kandel durch einen jungen Afghanen, werden erst so zum Kristallisationspunkt politischer Konflikte über die Flüchtlingspolitik.

„Natürlich waren wir naiv“

Darum ging es in der Sendung von Plasberg. Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, ließ dann auch keinen Zweifel an den schlichten Fakten einer signifikant höheren „Kriminalitätsbelastung der Zuwanderer als bei der Durchschnittsbevölkerung.“ Immerhin wird er deshalb nicht gleich als Nazi tituliert. Dafür hatte er für tatsächliche Nazis schlechte Botschaften: Insgesamt ist die Zahl der Straftaten rückläufig. Zudem sind Flüchtlinge häufig die Opfer solcher Straftaten. In der Kriminalitätsstatistik sind Syrer oder Iraker unter-, dagegen Flüchtlinge aus den Mahgreb-Staaten überrepräsentiert. Münch nannte den aus der Kriminologie längst bekannten Grund. Junge Männer geraten in allen Bevölkerungsgruppen überproportional häufig mit dem Gesetz in Konflikt.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, weshalb Isabel Schayani eine interessante Erkenntnis artikulierte. „Natürlich waren wir naiv“, so die Moderatorin des ARD-Weltspiegel über die Situation im Jahr 2015 nach Öffnung der Grenzen. Jetzt „begreifen wir erst, was passiert ist.“ Das könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass sich damals die Framing-Experten vor allem mit einer Frage beschäftigten. Wie man denn die Bilder über flüchtende Familien in der ARD beurteilen soll, wenn vor allem junge Männer nach Deutschland kamen?

Ansonsten warnte Frau Schayani noch davor, die Fehler der früheren Gastarbeiterpolitik bei „Türken und Portugiesen“ zu wiederholen. Nun hat aber noch niemand von Problemen mit Portugiesen gehört. Lediglich wenn ein Fußballer von Real Madrid namens Ronaldo für die Abwehrreihen deutscher Fußballvereine zu einer Herausforderung geworden ist. Das wird Frau Schayani aber nicht gemeint haben.

Insofern war ihr gestern Abend zu bemerkendes Spannungsverhältnis mit dem niederländischen Migrationsforscher Ruud Koopmans nachvollziehbar. Er hielt die patriarchalischen Traditionen in der islamischen Kultur für das eigentliche Integrationsproblem, und wohl nicht das der Portugiesen. Er warnte zugleich vor „Überreaktionen“ in der gegenwärtigen Debatte. Hier machte Frau Schayani einen guten Punkt. Sie verwies auf die unterschiedlichen Wahrnehmungsmuster in der gegenwärtigen Debatte. So würden Tötungsdelikte unter Deutschen als „Beziehungstaten“ definiert. Nur wenn Flüchtlinge daran beteiligt wären, bekommt das quasi automatisch einen Kontext zum Flüchtlingsthema.

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