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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Ungleich vor dem Gesetz?

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutierte am 7. Mai 2018 in seiner Sendung mit Gästen zum Thema: „Der Club der Reichen – wieviel Ungleichheit verträgt das Land?“ Bild: WDR/Oliver Ziebe

Der zweite Abend der ARD-Reportagereihe befasste sich mit sozialer Ungleichheit in Deutschland. Frank Plasberg diskutierte anschließend über den „Club der Reichen“: eine verpasste Chance.

          Die Befunde der Reportage klingen ernüchternd. Mit 17.000 Euro angespartem Vermögen kann man in Frankfurt am Main 3,3 Quadratmeter Wohnung erwerben. Ein Bauingenieur verdient 1970 Euro netto, ein angestellter Facharzt kommt auf 2780 Euro. Die Einkommen der Mittelschicht stagnieren oder sinken. Die Vermögensverteilung in Deutschland zementiert Ungleichheit. Ein Nachfahre der Fugger betreibt heute ein Family Office für Vermögende und outet sich als Dagobertist: Was man liebt, müsse man auch besitzen, beruft er sich auf Marion Gräfin Dönhoff.

          Seit 1990 hat sich das Verhältnis zwischen Finanzvermögen und Realwirtschaft immer weiter auseinander gespreizt. Heute stehen 300 Billionen Dollar Finanzvermögen 80 Billionen Realwirtschaft gegenüber. Der Vermögensverwalter Blackrock verwaltet heute sechs Billionen Dollar, mehr als die addierten Staatseinnahmen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Deutschlands zusammen.

          92 Prozent der 1940 Geborenen haben später mehr verdient als ihre Eltern. 40 Jahre später trifft das nur noch auf weniger als 50 Prozent zu. Der Traum, das Kind werde es einmal besser haben, scheint ausgeträumt. Der Immobilienunternehmer Christoph Gröner redet in der Reportage über seine Kinder, als gehörten sie zu seinem Asset Management. In der Rigaer Straße in Berlin streitet er wie ein Straßenkämpfer mit protestierenden Anwohnern eines von ihm entwickelten Neubauvorhabens. Bald, erzählt er, werde er eine neue Partei gründen. Ihn zieht es in die Politik, sein Vorbild scheint Emmanuel Macron zu sein. Argumentativ aber wirkt er unaufgeräumt, von einer kaum gebändigten Aggressivität geprägt

          Von den Oberschichten im Stich gelassen

          Gröners Ambitionen scheint entgegenzukommen, dass die unter 30-Jährigen Demokratie nicht mehr für wichtig halten. Zwei Ökonomen halten dagegen: Thomas Piketty resümiert, die Mehrheit der Bevölkerung habe das Gefühl, von den Oberschichten im Stich gelassen zu sein. Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz plädiert für einen neuen sozialen Vertrag.

          Das ist die Ausgangslage für Frank Plasbergs Runde. Was macht er daraus? Er startet mit einer albernen Frage. Wird Christoph Gröner eines Tages in einer Suppenküche anstehen? Gröner weicht der Frage aus. Er bürge persönlich für Kredite seiner Unternehmensgruppe, deshalb sei das möglich. Juso-Chef Kevin Kühnert scheint Mitleid zu empfinden. Die Vermögensverteilung in Deutschland gehe aus dem Lot. Er wolle keine Neiddebatte führen, sehe aber das Gemeinwesen nicht mehr ausreichend finanziert. Dass die Vermögenssteuer nicht abgeschafft, sondern ausgesetzt sei, findet er nicht akzeptabel. Kühnert ist bei der Erbschaftssteuer für Freibeträge, die Omas Häuschen auch dann verschonen, wenn es in München-Bogenhausen steht.

          Ein Zitat des SAP-Gründers Hasso Plattner führt in die Irre. Kein Deutscher werde reicher, wenn er weniger habe. Der Hintergrund dieser Aussage wäre gründlicher zu beleuchten gewesen. Die SAP-Gründer haben ihre Unternehmensanteile in gemeinnützige Stiftungen eingebracht, um im Erbschaftsfall den Erhalt des Unternehmens zu sichern. Das Stiftungsrecht erlaubt es Stiftern, steuerlich begünstigt Zwecke zu verfolgen, die in der Abgabenordnung festgelegt sind.

          Solms' Brevier

          Hermann Otto Solms verkündet, wodurch Wohlstand entstehe. Das hat mit der zuvor geschilderten Sachlage nicht viel zu tun. FAS-Redakteurin Bettina Weiguny bescheinigt dem Wirtschaftsstandort Deutschland dynamische Aufstiegs- und Abstiegschancen. Die politisch brisante Frage aber ist, wie viel Ungleichheit das Land politisch verträgt. Der Soziologe Michael Hartmann sagt, in Deutschland gebe es doppelt so viel Milliardäre wie in Frankreich und in Großbritannien. Die Steuerpolitik der letzten 20 Jahre habe die Ungleichheit erheblich befördert. Die Gewinne der Kapitalgesellschaften hätten sich verdreifacht, ihre Investitionsquote aber sei von 50 auf vier Prozent gesunken.

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