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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Populisten und Aristokraten

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutierte in seiner Sendung am 30. September 2019 zum Thema: „Trump und Johnson unter Druck - Endspiel der Populisten?“ Bild: WDR/Dirk Borm

Wieder einmal wird das Endspiel für Trump und Johnson ausgerufen. Warum diese Erwartung enttäuscht werden könnte, macht die Diskussion über Ansprüche, populistische Motive und die Etikette bei britischen Dinnerpartys deutlich.

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          Wahrscheinlich begann das Drama der amerikanischen Politik mit einer Fehlentscheidung des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy. Er ließ im Weißen Haus Abhöranlagen installieren, um heimlich die dort geführten Gespräche aufzuzeichnen. Seine beiden Nachfolger behielten diese Praxis bei, was später dem Präsidenten Richard Nixon bei seinem Amtsenthebungsverfahren zum Verhängnis werden sollte. Auf diesen Mitschnitten war allerdings auch nicht immer das zu hören, was eine ehrbare amerikanische Hausfrau im Mittleren Westen als Inbegriff von Sitte und Moral verstanden hätte.

          Zusammen mit dem Lügengebäude um den Vietnamkrieg und dem Watergate-Skandal begann sich hier jenes Image des amerikanischen Politikers auszubilden, das die Haltung der meisten Amerikaner bis heute prägt: Die Politiker in Washington sind Heuchler und skrupellose Egoisten, die immer nur an den eigenen Vorteil denken.

          So sprach die junge Austauschstudentin Teresa Holly den wichtigsten Satz des gestrigen Abends aus: Sie berichtete über ihre Erfahrungen in einer republikanischen Gastfamilie in Alabama. Die Hausherrin sei herzensgütig und gottesfürchtig gewesen, aber vor allem unterstellte sie jedem Präsidenten ein mit Trump vergleichbares Verhalten, so die junge Frau. Egoismus ist übrigens für einen überzeugten Republikaner kein Vorwurf, sondern eine Lebensphilosophie.

          Wer ist das Ziel der Attacke: Trump oder Biden?

          Hier fand sich schon die Antwort auf die von Frank Plasberg aufgeworfene Frage: „Trump und Johnson unter Druck – Endspiel der Populisten?“ Die Ausgangssituation fasste die Londoner ARD-Korrespondentin Annette Dittert prägnant zusammen: Einerseits bezweifelte sie die strategischen Erfolgsaussichten des von den Demokraten im Repräsentantenhaus eingeleiteten Impeachment-Verfahrens gegen Trump. Andererseits hielt sie dessen „moralische Berechtigung“ für unangreifbar.

          Nur welchen Sinn machen moralische Argumente in einem politischen System, von dessen Amoralität die meisten Amerikaner überzeugt sind? Deshalb formulierte ein langjähriger Beobachter der amerikanischen Innenpolitik und transatlantischen Beziehungen seine Einwände. Der Politikwissenschaftler Christian Hacke sah wenig rechtliche Substanz in den Vorwürfen gegen Trump, und machte zudem auf einen weithin unterschätzten Aspekt aufmerksam: Nämlich, ob das eigentliche Ziel dieser Angriffe nicht der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden sei.

          Mit dem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump kommt Bidens Sohn Hunter wieder in die Schlagzeilen. Seine Bestellung zum mit 50.000 Dollar monatlich dotierten Aufsichtsrat beim ukrainischen Gaskonzern Burisma war sicherlich nicht das Ergebnis moralisch-ethischer Überlegungen des dortigen Corporate-Governance-Ausschusses. Nur zur Erinnerung: Konservative Republikaner erwarten von ihren Kandidaten klare Positionen zu den Themen Waffenbesitz oder Schwangerschaftsabbruch. Die härtesten Kritiker des Washingtoner Lobbyisten-Wesens saßen dagegen immer bei den amerikanischen Liberalen. Mit solchen Söhnen wie Hunter Biden einen demokratischen Wahlkampf zu führen, ist eine echte Herausforderung für jeden Vater.

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