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TV-Kritik „Hart aber fair“ : „Wir brauchen keine Weißen, die uns erzählen, wer uns kränkt“

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Kontroverses Thema, am Ende zeigte sich (fast) jeder gekränkt: Hart aber fair. Bild: © WDR/Oliver Ziebe

In der Talkshow von Frank Plasberg ging es dieses Mal um den sprachpolitischen Kampf. Der Inhaber des Restaurants „Zum Mohrenkopf“ bewies dabei die größte medien- und sprachpolitische Kompetenz. Kochen kann er wohl auch noch.

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          Was hätte der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King gemacht, wenn er heute das Restaurant „Zum Mohrenkopf“ in Kiel besuchen könnte? Unter Umständen hätte er mit dem Inhaber Andrew Onuegbu über den letzten Satz seiner berühmten Rede in Washington gesprochen. Ob jene Verheißung eingetreten ist, die Luther King an diesem 28. August 1963 in einem alten Gospel-Song fand: „Free at last. Free at last. Thank God Almighty, we are free at last.”

          Wahrscheinlich hätte er weniger über den Namen des Restaurants nachgedacht. Ihm wäre es wohl auch nicht in den Sinn gekommen, das damals selbstverständliche N-Wort fast 60 Jahre später aus seinem Manuskript zu streichen. Ob der im Jahr 1968 ermordete Bürgerrechtler das Wort heute noch verwenden würde, ist trotzdem zu bezweifeln. Sprache unterliegt dem Wandel: Das N-Wort ist längst aus dem Sprachgebrauch verschwunden, nicht zuletzt weil er nicht mehr von schwarzen Mitbürgern verwendet wird. Aber Luther-King hätte sicherlich mehr interessiert, ob und wie sich die Lebensbedingungen von Onuegbu in Kiel etwa von einem Schwarzen im Alabama des Jahres 1963 unterscheiden.

          Wer fühlt sich auf den Schlips getreten?

          Luther King können wir leider nicht mehr fragen. Dafür war aber der Kieler Koch zu Gast. Es ging um den „Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?“ Der Mohr geht gar nicht, weil rassistisch konnotiert. Natürlich hätte Onuegbu sein Restaurant auch „Zur strahlenden Feministin“ nennen können, aber der Mohrenkopf schien ihm unter Marketing-Aspekten überzeugender. Es wäre allerdings nicht auszuschließen, dass dieser Name als die moralisch zu verurteilende Aneignung gewisser weiblicher Lebenswelten verstanden werden könnte. Darf überhaupt ein schwarzer Mann mittleren Alters den gut gelaunten Feminismus zur Namensgebung nutzen? Oder fühlt sich dann jemand auf den Schlips getreten, wobei dieser als ein modisches Accessoire des Mannes gelten muss. Dessen historischer Hintergrund ist wiederum mit kroatischen Reitersoldaten verbunden. Was wollte uns somit der Journalist Stephan Anpalagan sagen als er mit Anzug und Krawatte bei Frank Plasberg saß? Die Welt der Symbolik ist voller Untiefen.

          Auf Onuegos Marketing-Überlegung fand Anpalagan dann auch keine passende Antwort. Dieser hatte einfach die falsche Hautfarbe. Der endgültige Knock-out ereilte ihn als Onuegbu fragte, ob man das Wort „Mischling“ für Menschen mit Eltern unterschiedlicher Hautfarbe noch sagen dürfe. Er wollte darüber nachdenken, so der Mitgründer einer Unternehmensberatung mit dem klingenden Namen „Demokratie in Arbeit.“ Ob sich bei dieser Namensgebung nicht die Anhänger des Müßiggangs diskriminiert fühlen müssen, hatten die Gründer übrigens nicht bedacht. So dekonstruierte der arbeitende Dienstleister Onuego die zeitgenössische „Sprachsensibilität“, die grundsätzlich nicht verkehrt sei, wie die Philosophin Svenja Flaßpöhler feststellte. Sie führt sich nur selbst ab absurdum, wie der hilflose Umgang mit dem Koch aus Kiel deutlich machte. Ihn fasste ein alter Mann weißer Hautfarbe namens Jürgen von der Lippe so zusammen: „Wir brauchen keine Weißen, die uns erzählen, wer uns kränkt.“

          Schriftsteller Jan Weiler, Philosophin Svenja Flaßpöhler und Publizistin Stefanie Lohaus: Beim Thema Sprachgebrauch ist es schwer, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
          Schriftsteller Jan Weiler, Philosophin Svenja Flaßpöhler und Publizistin Stefanie Lohaus: Beim Thema Sprachgebrauch ist es schwer, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. : Bild: © WDR/Oliver Ziebe

          Wobei dieser Anspruch, keinesfalls gekränkt werden zu dürfen, schon das Problem ist. Vor allem Frau Flaßpöhler machte die Fallstricke dieses Ansatzes deutlich: Am Ende ist jeder gekränkt. Die Oma, die von einem WDR-Kinderchor als Umweltsau verhöhnt wird. Der Schwarze, der unter Umständen in der Washingtoner Rede Luther-Kings das böse N-Wort finden könnte. So nannte es wenigstens die Journalistin Stefanie Lohaus, die dann auch gleich einen Pippi Langstrumpf Band wegen Kolonialismus-Verdacht auf ihren persönlichen Index setzte. Obwohl es selbstredend keinen Hinweis gibt, dass jemals jemand wegen des Wortes „Negerkönig“ in diesem Buch zum Rassisten wurde. Genauso wenig werden amerikanische Rassisten heutzutage Martin Luther King lesen, um ihr Weltbild über Afroamerikaner zu bestätigen. So war der Schriftsteller Jan Weiler „überhaupt nicht der Meinung, die Sprache von Diskriminierung zu befreien, sondern die Diskriminierten von Diskriminierung.“

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