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TV-Kritik: Hart aber fair : Der Polemik folgt die Lösung

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Susan Link vertritt bei „Hart aber fair“ den erkrankten Frank Plasberg. Bild: dpa

Mal ist es die Bonpflicht, mal sind es Kreuzkröten. In Deutschland geht nichts mehr – und schuld an allem ist die Bürokratie? Nicht ganz. Das räumt auch Edmund Stoiber bei „Hart aber fair“ ein.

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          Schon mit den ersten Worten landet „Hart aber fair“-Moderatorin Susan Link an diesem Abend einen Volltreffer. Das Jahr sei zwar erst wenige Wochen alt, doch habe man schon jetzt ein unbestreitbares Unwort gefunden: Bonpflicht. Wer möchte dem widersprechen. Denn egal ob für das Brötchen in der Bäckerei oder das Bier im Kiosk – seit diesem Jahr muss der Verkäufer jedes Mal einen entsprechenden Kassenzettel ausdrucken. Und passend zur Bonflut kennt auch die Kritik keine Grenzen: Hohe Kosten, unnötiger bürokratischer Aufwand, Belastung für Umwelt und Gesundheit. Der Fall scheint in der Tat völlig eindeutig: Deutschlands Bürokraten haben sich auch 2020 wieder ein ganz besonderes Schmankerl ausgedacht.

          „Hier Bonpflicht, da Krötenschutz – alles geregelt, aber nichts geht mehr?“ lautet an diesem Abend das Thema bei „Hart aber fair“. Es war eine nur rhetorisch gemeinte Frage. Später wird der frühere bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber dann auch noch den Juchtenkäfer ausgraben. Die Richtung ist klar, wer mag widersprechen. Der dünne Bon, die dicke Kröte und der kleine Juchtenkäfer sind schuld am Stillstand in Deutschland. Mit voller Polemik in den Abend.

          Also zunächst zur Bonpflicht. Alicia Anker freut sich jedenfalls über das sogenannte Kassengesetz, zumindest für ihre Arbeit. Allerdings ist sie auch Redakteurin des NDR-Magazins „Extra 3“ und damit professionelle Satirikerin. Aber im Ernst, es sei tatsächlich ein Wahnsinn, dass nun bundesweit massenhaft unabgerissene Bons aus der Kasse direkt in den nahestehenden Mülleimer fielen. Frank Thelen kann dem nur zustimmen. Er berichtet, dass dieses Gesetz bei ihm gar zu Depressionen führe. Der Start-Up-Investor plädiert vehement für digitale Lösungen – was angesichts der Tatsache, dass fast jeder Deutsche ein Smartphone besitzt, eine gute und praktikable Lösung sein könnte. Doch will Thelen an diesem Abend immer gleich am ganz großen Rad drehen, spricht von der Signalwirkung und dem Schaden, den das Image Deutschlands nun nehme. An jeder Kioskkasse. Für ihn geht es um nichts Geringeres als um den Technologiekampf mit Chinesen und Amerikanern.

          Bons gegen Steuerhinterziehung

          Spannend an Talkshows sind meistens diejenigen Teilnehmer, die gegen den Strom schwimmen. Argumentieren sie sachlich und fundiert, sind sie es, die andere Sichtweisen in ein bis dato einseitiges Gespräch einbringen können. Das gelingt nicht immer, an diesem Abend aber durchaus – und zwar dank Werner Jann. Der emeritierte Seniorprofessor für Verwaltung und Organisation erklärt zunächst einmal, welche Idee hinter der Bonpflicht stecke: die Bekämpfung von umfassender Steuerhinterziehung. Geschätzte 10 Milliarden Euro sollen jedes Jahr durch manipulierte Kassen hinterzogen werden. Zudem verweist Jann auf Deutschlands Nachbarländer, in denen seit Jahren schon eine Bonpflicht existiere. Österreich hat 2017 ein entsprechendes Gesetz eingeführt – und nimmt seitdem jedes Jahr 670 Millionen Euro mehr Steuern ein. Umgerechnet auf Deutschland wären das 6,7 Milliarden Euro.

          Dass Jann dabei kein blinder Verfechter von Bürokratie ist, zeigt er wenig später. Es geht um die Freiheit Emscher, ein Stadtentwicklungsprojekt auf ehemaligen Bergbauflächen in Essen und Bottrop. Denn dieses Projekt hat ein Problem, genauer gesagt 350 kleine Probleme: So viele Kreuzkröten wohnen auf dem ersten Bauabschnitt. Und einer wissenschaftlichen Studie zufolge benötigt jede Kröte 400 Quadratmeter Platz. Das heißt, dass alle Kröten zusammen eine Ersatzfläche benötigen, die so groß ist wie ein Wohngebiet für 350 Einfamilienhäuser. Zum Vergleich: Ein Mensch hat in Deutschland im Durchschnitt 46,7 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.

          Juchtenkäfer, Atomausstieg und der gute Andi Scheuer

          Edmund Stoiber, einst nicht nur bayerischer Ministerpräsident sondern auch EU-Beauftragter für Entbürokratisierung, kommt an dieser Stelle auf den Juchtenkäfer und das Großprojekt Stuttgart 21 zu sprechen. Stoiber attestiert, Deutschland sei ein hochentwickeltes Land, das sich aber womöglich zu viel vornehme. In gewohnt Stoiberscher Schachtelsatzmanier mäandert der Bayer zwischen Juchtenkäfern, dem Atomausstieg und einer neuen Idee des „guten Andi Scheuer“. Da komme Deutschland an die Handlungsfähigkeit des Staates ran, sagt Stoiber – und meint wohl eher das Gegenteil.

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