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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Wir zerstören, was wir lieben

  • -Aktualisiert am

Massentourismus in Venedig: Das Kreuzfahrtschiff „MSC Preziosa“ navigiert im Canale della Giudecca (Archivbild aus 2014). Bild: dpa

Zum Ende der Feriensaison stellt Frank Plasberg die Frage, ob der Massentourismus noch zeitgemäß ist. An den Preisen kann das nicht liegen – vielleicht aber an den Folgen.

          Das Riesenkreuzfahrtschiff in der Lagune von Venedig ist ein furchterregendes Bild, auch die Vorstellung, dass jeder Landgang eine Brutto- und eine Nettozeit hat. Wer an Bord all inclusive gebucht hat, hat keine Lust, an Land für ein zähes Steak mit Zulagen 300 Euro zu zahlen und darauf auch noch lange warten zu müssen. Außerdem vergeht viel Zeit, bis das arrangierte Foto vor dem Markusdom endlich zustande kommt. Der Landgang über den lokalen Fischmarkt beeinträchtigt dann auch noch einen Bürger Venedigs wie Dirk Schümer, der immer wieder von dem gerade von ihm gekauften Schwertfisch weg gedrängt wird, weil er zahllosen Fotoschützen das Bild verwehrt, auf das sie ein Anrecht geltend machen. Schümers Ausblick auf den Tourismus: Er sieht schwarz.

          Frank Plasberg stellt in seiner Sendung seinen Gästen die Frage, wer den Preis für den Massen-Tourismus zahlt. Venezianer jedenfalls brauchen Nerven wie Stahlseile. Ein Ballermannspezialist wie Ikke Hüftgold sieht das anders. Lust auf gute Partylaune sei ein gutes Recht, das er niemandem madig machen will. Sweelin Heuss von Greenpeace findet die Dumpingpreise für Kurzflüge verheerend. Manuel Andrack wird künftig auf Billigflüge verzichten.

          Bilder aus den Gassen Venedigs wie in einem Film

          Großaufnahmen zeigen beliebte von Massen überfüllte Urlaubsorte von Santorin bis Dubrownik. Sie evozieren eine andere Sehnsucht: Wie schön wäre es, wenn wir da jetzt alleine wären! Ein abwegiger Traum. Bilder aus den Gassen Venedigs wie in dem Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ von Nicolas Roeg sind heute unmöglich. Immerhin bleibt uns dadurch auch eine Mordserie erspart. Dass das Schöne für viele erreichbar geworden ist, droht es kaputt zu machen. Zehntausend Besucher an einem Wochentag machen die Stadt für ihre Bewohner nicht mehr begehbar. Vielleicht sollte Schümer den Fisch schon um sechs Uhr kaufen gehen statt erst um sieben. Der Ansturm lässt nicht nach. Nun ziehen auch hundert Millionen Chinesen los und wollen für die Lieben weit da draußen zu Hause Selfies schießen.

          Frank Plasberg stellt seinen Gästen - und allen Urlaubern eine wichtige Frage: Wer zahlt den Preis für den Massen-Tourismus?

          Frau Heuss hat vor fünfzehn Jahren in Venedig geheiratet. Eine Zugfahrt von Hamburg nach Venedig kostet heute viermal so viel wie der Billigflug. Greenpeace will das Kerosin besteuern. Die EU-Verordnung dafür gibt es seit langem, aber außer den Niederländern macht kein EU-Mitglied davon Gebrauch. Karl Born, früher war er Manager bei der TUI, verfechtet unverdrossen das Recht aufs Reisen. Wer wolle wem mit welchem Recht Vorschriften machen? Die lokalen Tourismus-Manager hätten erreicht, wovon sie geträumt haben. Venedigs Bürgermeister (der auf dem Festland lebt, wie Schümer bemerkt), feiere den Zustrom. Die Liegegebühren für die Riesenschiffe finanzieren die Stadt.

          Natürlich lässt das diejenigen Einwohner Venedigs, die einen Palast aus dem 16. Jahrhundert bewohnen, den sie auch nicht vermieten müssen, weil das alte Geld der Familie weiter für den Fisch und den Kaffee reicht, unberührt. Auch Goethe habe sich über andere Reisende beschwert, erinnert Schümer.

          Manuel Andrack ist kürzlich das letzte Mal mit Ryanair geflogen. Bei der harten Landung sei das Flugzeug fast auseinander gebrochen. Das Einchecken mit Gepäck habe zwei Stunden gedauert. Er hätte den Ryanair-Leuten schon längst empfohlen zu streiken. Die Arbeitsbedingungen des Flugpersonals sind kein Thema, obschon es an der Zeit wäre, auch sie gründlicher zu betrachten.

          Matthias Distel hat mit seinen Schlagern als Ikke Hüftgold fast neun Jahre im Bierkönig von Palma de Mallorca riesigen Erfolg gehabt. Jetzt setzt er das im bulgarischen Goldstrand fort. Mallorca kann aufatmen. Wer mit Ryanair für zehn Euro nach Malle fliegt, bucht keine Unterkunft, sondern knallt sich ein paar Tage lang zu. Hüftgold behauptet, seine Schlager vermittelten das Lebensgefühl und die Sehnsucht der jungen Leute. Okay, räumt er ein, sein Publikum bestehe oft zu 95 Prozent aus Männern, da könne es auch zu Problemen kommen. Seinen Töchtern erklärt er, dass seine Auftritte dafür sorgten, dass der Kühlschrank voll sei.

          Der ehemalige Tui-Mann Born findet Skandalisierung Quatsch. Auf Mallorca gebe es nach wie vor kilometerlange leere Strände. Niemand wolle zu einem Kreisligamatch mit 400 Besuchern. Er argumentiert auf der Grundlage eines erfolgreichen Verkäufers, koste es, was es wolle.

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