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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Gefahr im Krankenhaus

  • -Aktualisiert am

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bei „Hart aber fair“ Bild: WDR/Dirk Borm

Frank Plasbergs Gäste diskutieren darüber, warum sich multiresistente Keime in Krankenhäusern ausbreiten. Eine Pflegerin spricht in der Sendung eine deutliche Warnung aus.

          Große Gesundheitsreformen sind rhetorische Schlachtfelder. Sie sind Keimzellen für Zungenbrecher wie den kassenartenübergreifenden Risikostrukturausgleich. Oder sie beglücken das System mit einem Trojanischen Pferd wie dem Gesundheitsfonds, den alle gesundheitspolitischen Akteure zuerst verteufelten, bis sie verstanden, wie sie von ihm profitieren. Bis diese Lernkurve steil anstieg, hatte die Gesundheitspolitik – vorübergehend – Wohlverhalten bewirkt und damit Zeit gewonnen.

          Die Berufsgruppen der Gesundheitsbranche werden nicht müde zu klagen: über ihre Vergütung, die Arbeitszeiten, die Bürokratie, den Zwang zum Sparen. Der Gegenstand ihres Wirkens, die medizinisch zumeist erfolgreiche Behandlung von Menschen, scheint aus diesen Diskursen wie ausgeblendet. Dabei ist dieses Wirken durchaus beglückend, auch ergreifend und bestürzend, wenn die Stunde der Statistik schlägt und das Risiko einer Behandlung nicht mehr als Zahl, sondern als persönliches Schicksal erfahrbar wird. In dem Betrieb gibt es ein Mikroklima, das mit rau, aber herzlich in den meisten Fällen zutreffend beschrieben ist. Ausnahmen bestätigen die Regel.

          Werden Patienten zur Ware, um die Krankenhäuser konkurrieren?

          Eine weitere Ausnahme scheint es, wenn eine erfahrene OP-Krankenschwester die Faxen dicke hat und einen Brief an die Bundeskanzlerin und an den Bundesgesundheitsminister schreibt. Aus dem Bundeskanzleramt erhielt sie die Eingangsbestätigung von einer studentischen Praktikantin. Im Ministerium scheint der Brief nicht angekommen zu sein. Jana Langer warnte in ihrem Brief davor, dass jeder Krankenhausaufenthalt zu einer tödlichen Falle werden könnte. Warum ist das so? Woran wird gespart, mit welchen Folgen für die Patienten? In Frank Plasbergs Sendung „Hart aber fair“ resümiert Frau Langer die Lage robust: Krankenhäuser konkurrieren um Patienten, diese würden zur Ware. Der Patienten-Durchsatz werde beschleunigt und überall müsse gespart werden.

          Die Sorgen sind nicht neu. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe kommt gerade von dem Besuch einer Krankenpflegeschule. Kürzlich habe der vierte deutsche Pflegetag stattgefunden, wogegen die Ärzte demnächst zum 120. Mal tagen. Die Unwucht ist offenkundig. Das gilt auch für die statistische Rhetorik. Von 20 Millionen Krankenhauspatienten jährlich stirbt statistisch weniger als ein Promille an Krankenhauskeimen. Das sind 15.000 Todesfälle, die Dunkelziffer könnte auch doppelt so hoch sein. Dazu hat Gröhe die Binse aus Berlin mitgebracht, dass Patientensicherheit groß geschrieben werde. Immerhin verspricht er dem Pflegepersonal bessere Arbeitsverhältnisse.

          Unerträgliche Überlastung

          Ulrich Hildebrandt, Chirurg und viele Jahre Chefarzt, sieht die Lage nicht so dramatisch wie Frau Langer, räumt aber ein, dass privatisierte ehemals kommunale Krankenhäuser unter enormem Einsparungsdruck stehen. Thomas Reumann, der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, hat an diesem Abend die unerfreuliche Aufgabe, etwas nicht schönreden zu können, es aber zumindest zu versuchen. Fehler würden offensiv angegangen. Reinhold Beckmann, der gerade eine ARD-Dokumentation über tödliche Krankenhauskeime gedreht hat, wird da konkreter. Der Pflegeschlüssel, dass eine Pflegekraft 14 Patienten betreue, führe zu einer unerträglichen Überlastung. Der Stress führe dazu, dass lebenswichtige Hygienemaßnahmen nicht eingehalten werden können. Die Dunkelziffer von Todesfällen wegen Krankenhauskeimen liege vermutlich nicht bei 15.000, sondern bei bis zu 50.000 Fällen.

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