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TV-Kritik: Hart aber fair : Ernsthaftigkeit auf Kosten von Reibung

  • -Aktualisiert am

Die etwas ausgedünnte Gesprächsrunde im Studio von Moderator Frank Plasberg Bild: WDR/Oliver Ziebe

Satte zwei Stunden Sondersendung zur Coronavirus-Krise: Frank Plasberg meidet dieses Mal Krawall und setzt auf Ernsthaftigkeit. Doch etwas Wichtiges bleibt dabei auf der Strecke.

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          An diesem Thema führt derzeit einfach kein Weg vorbei: die Corona-Krise. Auch nicht in der ARD. Satte zwei Stunden Sondersendung „Hart aber fair extra“ bekommt der Zuschauer an diesem Abend geboten. Denn: „Es ist ein denkwürdiger Tag“, wie Moderator Frank Plasberg gleich zu Beginn ankündigt. Seit heute sei alles anders. Was genau, das soll eine 30-minütige Reportage zu Beginn der Sondersendung zeigen. Noch am vergangenen Wochenende herrschte auf den Viktualienmarkt in München dichtes Gedränge: Frühlingshaftes Temperaturen, herrlicher Sonnenschein, blauer Himmel, die schicke Sonnenbrille auf der Nase, ein Latte Macchiato in der Hand oder lieber gleich einen Prosecco – so sah die Corona-Krise bisher aus.

          Doch damit soll nun Schluss sein. Die Appelle an die Vernunft haben offensichtlich nicht zu den gewünschten Ergebnissen geführt. Oder wie es in der Reportage heißt: Nach anfänglichem Zögern habe die Politik nun entschlossen gehandelt. Kitas und Schulen sind geschlossen, Museen, zahlreiche Geschäfte, selbst Spielplätze sollen folgen. Das trifft jeden: die selbständige Physiotherapeutin, die jetzt ihre Mutter bitten muss, sich um die Kinder zu kümmern. Die Pendler, die nun zwar viel Platz in Bus und Bahn haben, aber eben auch ein ungutes Gefühl. Der Lebensmittelcaterer, dessen Aufträge wegen des Veranstaltungsverbots weggebrochen sind und der deshalb seine Waren umsonst anbietet.

          Deutschland fest im Griff des Virus

          Die Reportage führt nach Bremen, ins hessische Heinsberg oder nach Nordrhein-Westfalen, nach Straßburg an die deutsch-französische Grenze, wie nach Bozen in Südtirol. Mal auf den Marktplatz, dann in den Gottesdienst, in die Politik und den häuslichen Seniorenpflegedienst. Aber auch ins Internet, wo sich ebenfalls die Heterogenität unserer Gesellschaft offenbar: Hass, Rassismus und Falschmeldungen einerseits; Solidarität, Mitgefühl und Hilfe andererseits. Es ist eine aufwändige, sehr umfassende Reportage, an der 14 Autoren mitgewirkt haben. Die 30 Minuten zeigen, wo Deutschland am 16. März 2020 steht: fest im Griff des Corona-Virus.

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          Danach beginnt Frank Plasberg im Studio die Diskussion mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, mit der ARD-Börsenexpertin Anja Kohl, mit Jonas Schmidt-Chanasit (Virologe an der Uni Hamburg), mit der Psychologin Ulrike Scheuermann sowie dem ARD-Rechtsexperten Frank Bräutigam.

          Virologe Schmidt-Chanasit stellt klar, dass diese Krise uns alle noch Monate massiv einschränken werde. Das bisherige Gefühl, man sei in einer Art Corona-Ferien, sei verantwortungslos gewesen. Die aktuellen Maßnahmen müssten deshalb so drastisch sein. Allerdings würden erste greifbare Ergebnisse im Bezug auf die Virusverbreitung frühestens in zehn Tagen erzielt werden können.

          Dass auch Wirtschaftsminister Altmaier die Maßnahme der Regierung rechtfertigt, ist keine Überraschung. Sie zeigten den Ernst der Lage. Auch er selbst sei betroffen, denn als Politiker des festen Händedrucks habe er sich komplett umstellen müssen und würde nun zur Begrüßung nur noch die Hand oder den Ellenbogen heben. Börsenexpertin Anja Kohl ist ebenfalls voll des Lobes. Das Versprechen, sämtlichen Unternehmen und Arbeitnehmern in der Krise zu helfen, sei richtig und wichtig gewesen. Deutschland könne sich ein solches Versprechen leisten, man habe mit einem Schuldenstand von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts eine hervorragende Ausgangsposition. Vielmehr hätte sich die Börsenexpertin ein solch großzügiges Versprechen auch von der Europäischen Zentralbank erhofft. Bliebe noch ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam. Auch er lobt und legt Wert darauf, dass trotz der drastischen Maßnahmen die Grundrechte nicht außer Kraft seien, sondern lediglich stark eingeschränkt. Die Waage der Justitia neige sich ein wenig. 

          Es sind die ersten Aussagen der Gäste an diesem Abend – und illustrieren doch schon all die positiven wie auch negativen Aspekte dieser ARD-Sondersendung: Positiv ist, dass jeder Experte sich auf sein Fachgebiet beschränkt. Der Virologe klärt medizinische Fragen, der Wirtschaftsminister erläutert die Maßnahmen der Regierung, so wie die Börsenexpertin eben die Ereignisse auf dem Finanzparkett bewertet. Das alles geschieht zudem in einem ruhigen, sachlichen Ton – ganz ohne Krawall oder das sonst Plasberg-typische Ins-Wort-fallen.

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