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TV-Kritik: „hart aber fair“ : Empörung als Ton der Zeit

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Die letzte Sendung von „hart aber fair“ vor Weihnachten. Bild: WDR

Oft wird in Deutschland darüber gestritten, wie gestritten werden darf. Frank Plasberg machte genau das zum Thema. Die Gäste nahmen die Einladung zur Empörung gerne an.

          Vor fünfzig Jahren war die Welt noch in Ordnung. Da saß die Familie am Heiligen Abend in trauter Runde zusammen. Mutter hatte gekocht und Vater erzählte nach fünf Schnaps vom Krieg. In der Oberschicht konnte es auch französischer Cognac sein. Die Kinder konnten es nicht mehr hören. Zudem ahnten sie, warum in den meisten Erzählungen das Grauen nicht zur Sprache kam. Es hatte die Väter sprachlos werden lassen, nicht zuletzt wegen der Beteiligung an einem verbrecherischen Krieg.

          Aber Weihnachten 1968 war gerade für die Oberschicht ein einschneidendes Ereignis. Die Studentenrevolte hatte begonnen und damals war das Studium noch ein Privileg. Es war die Eintrittskarte in die sogenannte bessere Gesellschaft. Die Revolte war der Protest der zukünftigen Führungsschicht des Landes. Wenn es schon Talkshows gegeben hätte, der Titel dieser Sendung wäre passend gewesen: „Sprachlos, verständnislos, wütend: Wie gespalten ist Deutschland?“

          Letzteres gehörte zum selbstverursachten deutschen Schicksal. Das Weihnachtspaket nach drüben gehörte zum Ritual vieler Familien. So waren Väter und Mütter sprachlos, die Kinder bisweilen wütend und beide Seiten verständnislos für die Position der jeweils anderen.

          Gestern war „Toblerone“ wegen eines Marketing-Gags zur Erschließung neuer Exportmärkte in aller Munde, aber nicht wegen des Geschmacks. In Frankfurt sorgten rechtsradikale Äußerungen einiger Polizeibeamten für Aufsehen. Zu Weihnachten 1968 waren allerdings frühere Nazis in der westdeutschen Polizei und Justiz eher die Regel als die Ausnahme. Von Sprachlosigkeit kann heute nicht die Rede sein. Vielmehr ist der Gestus der Empörung der Ton der Zeit. Die Reklame von „Toblerone“, jetzt halal, wird als Einknicken vor den Muslimen interpretiert. Aus fünf rechtsradikalen Polizeibeamten gleich auf die Demokratiefeindlichkeit der hessischen Polizei geschlossen.

          Von Verständnislosigkeit zu sprechen, ist absurd. Es wird von allen Seiten vielmehr bewusst instrumentalisiert durch Skandalisierung. Insofern sollte man die Sendung von gestern Abend als ein Zeitdokument betrachten. Frank Plasberg begann sie mit einer typischen Metaebenen-Debatte. Es werden nicht mehr inhaltliche Unterschiede diskutiert, sondern die Funktion von Diskursen. Welchen Anteil seine Gäste an dem rüden Umgangston hätten, so lautete seine Frage. Der Fernsehmoderator Claus Strunz hatte sich nichts vorzuwerfen. Er wäre in seiner Kritik an der Flüchtlingspolitik immer sachlich geblieben. Er nutzte aber die Frage, um den Umgangston der Linken zu kritisieren. Dem schloss sich Dirk Roßmann, Inhaber der gleichnamigen Drogeriekette an.

          Die evangelische Pastorin Annette Behnken, bekannt aus Funk und Fernsehen, plädierte für Vielfalt und Willkommenskultur. Letztere sah Antje Hermenau gewohnt kritisch. Allerdings kann man weder der früheren Spitzenpolitikerin der Grünen, noch der Kommentatorin aus dem samstäglichen „Wort zum Sonntag“ einen rüden Umgangston vorwerfen. So zeigte sich allein der NDR-Journalist Michel Abdollahi selbstkritisch bezüglich seiner früheren Äußerungen.

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