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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Die verunsicherte Republik

  • -Aktualisiert am

Brinkhaus beschränkt sich auf vorsichtige Kritik an der Versicherungsbranche, fordert sie aber auf, aktiver zu kommunizieren. Die Freude der Kunden darüber, sauren Wein eingeschenkt zu bekommen, dürfte sich in Grenzen halten. Peter Schwark, Geschäftsführer des Gesamtverbands der Versicherer, hat keinen leichten Stand in der Runde.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher hat am Montag getwittert, dass 40 Prozent der Bevölkerung auf den Sozialstaat angewiesen sind, weil sie weniger als ein Prozent ihres Einkommens oder gar nicht sparen können. Über 500.000 Altersrentner befinden sich schon heute in der Grundsicherung, Tendenz steigend.

Aufsicht kritischer Unternehmen in Manndeckung

Anja Kohl, die Börsenfrau der ARD, resümiert, dass Neuabschlüsse von Lebensversicherungen sich nur lohnen, wenn es ergänzende staatliche Förderung gibt. Nur Verträge, die vor 2005 abgeschlossen worden sind, rentierten sich noch. Die BaFin beobachtet nach Auskunft ihres Präsidenten die kritischen Kandidaten der Versicherungswirtschaft „in Manndeckung“. Kein Wunder, dass GDV-Mann Schwark an diesem Abend keine guten Karten hat.

Trotzdem warnt Frau Kohl davor, bestehende Verträge voreilig zu kündigen, das sei in der Regel zu teuer. Inzwischen gebe es auch Investoren, die alte Verträge kaufen. 31 der 83 Lebensversicherer im deutschen Markt hatten im Jahr 2016 Solvenzquoten von unter 100 Prozent. Komplizierter wird es für Versicherungskunden auch dann, wenn ihr Versicherer ihnen anbietet, einen bestehenden Vertrag gegen andere Produkte zu tauschen, ein Versuch, bestehende für den Versicherer zu teuer gewordene Verträge zu Lasten ihrer Kunden los zu werden und die einst garantierten Leistungen zu verwässern.

Ruhe im Karton

Ein weiteres Modell sind sogenannte Run-off-Gesellschaften, die bestehende Verträge von Versicherern übernehmen, die den Geschäftsbereich aufgeben. Ob es diesen Unternehmen gelingt, durch eiserne Kostenkontrolle die vertraglich vereinbarten Leistungen zu erbringen, scheint nicht so sicher, wie sie behaupten.

Schaler Trost, dass Ralph Brinkhaus auf die rigorose Aufsicht verweist. Er will Ruhe in das Thema reinbringen. Der Eindruck verdichtet sich, dass die Nerven blank liegen, und die Lage dramatischer aussieht, als sie der Verbandsmann und der Finanzer der Union darstellen. Die Zeit des Herrn Kaiser ist abgelaufen. Ulrich Schneider, ganz unverblümt: Wer jetzt noch eine Kapitallebensversicherung abschließt, sei selbst dran schuld.

Enttäuschungskaskaden in Zeitlupe

Ein weiterer Sprengsatz mit Zeitzünder sind die Direktversicherungen, die steuerlich begünstigt durch Gehaltsumwandlung abgeschlossen wurden. Wenn die Verträge fällig werden, müssen darauf 16 Prozent Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge gezahlt werden. So sehen Enttäuschungskaskaden in Zeitlupe aus. Die Zuschauer ziehen daraus den Schluss, dass es nun auf die Stärkung der gesetzlichen Rente ankomme.

Das Beispiel des schwedischen Staatsfonds, der mit 27 Angestellten 15 Prozent Rendite für die gesetzlich Versicherten erwirtschaftet, hält Ralph Brinkhaus für nicht übertragbar. Er bevorzugt für den großen deutschen Markt kleinere Einheiten. Ulrich Schneider hält robust dagegen. Das Gerede vom demographischen Wandel habe nur das Ziel verfolgt, die gesetzliche Rente kaputt zu reden. Er plädiert robust für Anhebung des Rentenniveaus, eine sozialpolitische Depesche an die Koalitionsverhandler.

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