https://www.faz.net/-gqz-9bwes

TV-Kritik zum Unionsstreit : Fassungslosigkeiten und psychologische Erklärungsmuster

  • -Aktualisiert am

Auch Frank Plasberg kommt am politischen Showdown in Berlin nicht vorbei und unterbricht sogar seine Sendepause. Zusammen mit seinem Gästen (hier der Politikwissenschaftler Werner Patzelt) diskutiert er den Machtkampf zwischen Merkel und Seehofer. Bild: © WDR/Oliver Ziebe

Es sind turbulente Tage: Rücktritt, kein Rücktritt – Koalitionsbruch, dann doch Kompromiss. Sogar Horst Seehofer darf weitermachen. Derweil wird die Macht der Abgeordneten deutlich.

          Medien reagieren auf Schlüsselreize. Dafür muss man nicht einmal den Hormonspiegel von Journalisten kennen. Einen davon gab es gestern Nachmittag. Horst Seehofer (CSU) hatte trotz seiner freischwebenden Funktionen in Partei und Regierung der „Süddeutschen Zeitung“ ein Interview gegeben. Darin fiel eine besonders knackige Formulierung auf: „Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur wegen mir Kanzlerin ist."

          Angesichts der sonntäglichen Ereignisse in der Münchner CSU-Parteizentrale hörten sich diese Worte nicht gerade wie eine Bereitschaft zum Dialog mit der Kanzlerin an. Die CSU-Vorstandssitzung war schließlich an Skurrilität kaum zu überbieten. So sollten mit der Schwesterpartei allerletzte Gespräche geführt werden. Seehofer fuhr mit seinem Gefolge nach Berlin, im Gepäck besagtes Interview. Es hinterließ bei den meisten Journalisten eine gewisse Fassungslosigkeit.

          Die Hauptstadtkorrespondentinnen von ARD und ZDF, Tina Hassel und Bettina Schausten, brachten das gut zum Ausdruck. Wie will Seehofer jetzt noch mit der Kanzlerin erfolgreich verhandeln? Es dominierten außerdem psychologische Erklärungsmuster, die etwa der Journalist Hajo Schumacher mit den Worten „gekränkte Eitelkeit“ und „Stolz“ beschrieb.

          „Schärfste Form der Aufforderung“

          Seehofer hatte sich heillos in eine Sackgasse manövriert, so der weitgehende Konsens unter journalistischen und politischen Beobachtern. Sein aufgeschobener Rücktritt schien unvermeidlich. Das Verhältnis zur Kanzlerin zerrüttet, die wiederum aus einer Position der Stärke mit der CSU verhandeln konnte. Der große Verlierer dieses dreiwöchigen Gerangels um einen Punkt im Masterplan des Bundesinnenministers stand somit fest. Die Kommentarlage in den Tageszeitungen dieses Landes war für die CSU entsprechend katastrophal. Trotzdem gab es einige Anhaltspunkte, warum dieser Eindruck täuschen konnte. Wer die Berichterstattung aufmerksam verfolgte, bekam entsprechende Hinweise.

          So kam am Montagvormittag das Gerücht auf, die reguläre Sitzung der Bundestagsfraktion der Union um 14 Uhr könnte ausfallen. Die aus München anreisende CSU-Delegation hätte somit nur mit der CDU-Führungsspitze am späten Nachmittag sprechen können. Aber die Fraktion war für die CSU an diesem Tag der wichtigste Ort. Die Sitzung fand dann doch statt. Dort gab es klare Ansagen an die Führungsspitzen beider Parteien. In ARD und ZDF wurden Abgeordnete wie Armin Schuster (CDU) oder Carsten Linnemann (CDU) interviewt. Schuster machte deutlich, worum es in dieser Sitzung gegangen war. Keineswegs um Sachfragen, sondern um die resolut formulierte Forderung nach einer Lösung. Dabei müssten beide Seiten aufeinander zugehen. Schuster nannte das die „schärfste Form der Aufforderung.“ Der Parlamentskreis Mittelstand äußerte sich als einflussreichste Gruppe in der Fraktion. Käme keine Einigung zustande, müsste die Fraktion diese Frage in einer Abstimmung klären.

          Weitere Themen

          Modernes Leben

          TV-Kritik: Maischberger : Modernes Leben

          In Sandra Maischbergers erster Sendung nach der Sommerpause geht es um drängende Fragen unserer Zeit. Nicht jede Debatte erweist sich als zielführend. Ausnahme: Das Gespräch mit Joachim Gauck.

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          In einem Gedenkgottesdienst nehmen Angehörige, Freunde und Nachbarn Abschied von dem achtjährigen Jungen

          Nach Frankfurter Gewaltat : Abschied von getötetem Achtjährigen

          Nach der grausamen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof haben Angehörige, Freunde und Nachbarn in einem Gedenkgottesdienst Abschied von dem getöteten Jungen genommen. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war anwesend.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.