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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der simuliert doch

Gesundheitsminister Jens Spahn stellt sich bei Frank Plasberg der Diskussion über den Zustand des deutschen Gesundheitssystems. Bild: © WDR/Oliver Ziebe

Dass Kassenpatienten oft länger auf einen Facharzttermin warten müssen, ist ärgerlich. Steht das Gesundheitssystem deshalb vor dem Abgrund? Bei „Hart aber fair“ konnte dieser Eindruck entstehen.

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          Wer schon einmal alleine auf eine Party gehen musste, bei der er niemanden kennt, weiß um die beruhigende Wirkung jener Smalltalk-Themen, die eigentlich immer gehen. Das Wetter („Eigentlich müsste es ja viel wärmer sein um diese Zeit."), der Straßenverkehr („Früher haben sich die Leute auch nicht für 200 Meter ins Auto gesetzt, kein Wunder, dass die Städte überfüllt sind.") oder die Wartezeit auf einen Arzttermin („Als Privatpatient hat man ja gut reden, aber als Kassenpatient wartet man sich in Deutschland doch zu Tode.").

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Auch Frank Plasberg setzte gestern Abend in der Fernsehsendung „Hart aber fair“ auf das bewährte Smalltalkthema Wartezeiten. Dabei gäbe es in der deutschen Gesundheitspolitik so viel, das sich analysieren und über das sich streiten ließe – zumal sich einige Gäste auf Plasbergs Party gewiss schon vorher kannten.

          Dass es in einer politischen Diskussionsrunde um die möglichen Verbesserungen für Kassenpatienten unter der neuen Bundesregierung auch um das leidige Thema der Termine gehen muss, liegt auf der Hand. Doch gleich zu Beginn sagt der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dazu schon den entscheidenden Satz: Es handele sich dabei zwar um ein „großes Aufregerthema“, doch gehe es in der Debatte zumeist um ein „Gefühl von Unfairness“. Viele Ärzte machten bei der Behandlung keinen Unterschied, ob vor ihnen ein Kassenpatient sitze oder ein Privatversicherter. Das Problem, das will Spahn damit sagen, erscheint größer als es in Wirklichkeit ist. Das zeigen auch die verfügbaren Daten aus internationalen Vergleichsstudien.

          Spahn legt sich fest

          Immerhin nutzt Plasberg die Chance und nötigt den neuen Minister gleich zu einer Festlegung. Ob sich denn der Erfolg seiner Amtszeit als Bundesgesundheitsminister daran bemesse, dass es Spahn gelingt, die Unterschiede in der Wartezeit – Privatpatienten erhalten vielfach etwas rascher einen Termin als gesetzlich Versicherte – anzugleichen? Spahn sagt: „Ich muss mich daran messen lassen“ – und schiebt gleich die Einschränkung hinterher, dass eine vollständige Angleichung in den kommenden dreieinhalb Jahren eher unwahrscheinlich sei.

          Von „Komfortunterschieden" spricht Andreas Gassen – und lobt gleich den neuen Minister dafür, dass dieser das Gesundheitssystem gegen die erwartbare Kritik an den Wartezeiten verteidigte. Gassen ist Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, des Zusammenschlusses der niedergelassenen Ärzte, und wenn irgendwo der Vorwurf der angeblichen Zwei-Klassen-Medizin erhoben wird, dann geht die Kritik auch an seine Adresse. Denn wie viele Ärzte sich wo ansiedeln und wie viele Termine anbieten, das regeln in Deutschland die Mediziner selbst – nach Vorgaben der Regierung. Die Kassenärztlichen Vereinigungen in den Bundesländern haben den sogenannten Sicherstellungsauftrag von der Politik erhalten, sie müssen also garantieren, dass alle 72 Millionen gesetzlich Versicherten von Haus- und Fachärzten möglichst schnell und wohnortnah behandelt werden.

          Von Wartezeiten und Versorgungsengpässen

          Dass das oft nicht so klappt wie es soll, ist offenkundig. In der Sendung liefert ein ausführliches Gespräch mit einer mehrfachen Mutter aus Dresden, die von ihren Schwierigkeiten berichtet, einen Kinderarzt zu finden, den abermaligen Beleg dafür. Es sei denn auch „nicht alles super“, räumt Gassen ein. Doch sei die Behandlungsqualität im Land hoch, jeder Patient könne sich den Arzt frei aussuchen und im Vergleich mit anderen Ländern gehe es den Patienten gut – Schweden garantiere zum Beispiel einen Facharzttermin binnen 72 Tagen, in Deutschland sind es nur vier Wochen. Das wird in der hiesigen Diskussion in der Tat oft vergessen. Und bei akuten Krankheitsfällen, sagt Gassen in Anspielung auf die Schilderung einer Episode in dem Bericht der betroffenen Mutter, komme ein krankes Kind ja auch gleich dran. Das zeige doch, wie funktionsfähig das Gesundheitssystem aller Rügen zum Trotz sei.

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