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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Ein Feuerwerk innovativer Ideen

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutiert in der Sendung „Hart aber fair“ am 17. Februar 2020 mit seinen Gästen über die Frage: „Welt im Klimawandel: Wie viel können wir selbst tun?“ Bild: dpa

Ob Fleischkonsum, Autofahren oder Fliegen – die Debatte zum Klimaschutz kennt oftmals nur eine Richtung: weniger, weniger, weniger. Doch das muss nicht sein, wie ein Lüneburger Professor eindrucksvoll aufzeigt.

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          Unerträgliche Hitze im Sommer, frühlingshafte Temperaturen im Winter, dazu immer häufiger Überschwemmungen oder Orkantiefs wie zuletzt „Sabine“ – am Klimawandel zweifelt in Deutschland kaum noch jemand. Frank Plasberg hat an diesem Abend mit seiner Sendung „Hart aber fair“ den richtigen Weiterdreh für dieses wichtige Thema gefunden: Der Feststellung „Welt im Klimawandel“ schickt er die Frage „Wie viel können wir selbst tun?“ hinterher.

          Eingeladen sind unter anderem die ehemalige Moderatorin Janine Steeger, die ihr komplettes Leben für den Klimaschutz umgekrempelt hat, der Grünen-Politiker Boris Palmer, der als Oberbürgermeister Ähnliches mit Tübingen vorhat. Oder auch der Meteorologe Mojib Latif, für den beim Klimaschutz nicht der Verzicht im Vordergrund steht. Allesamt also Praktiker, die dem Zuschauer sofort Vorschläge aus der Praxis präsentieren könnten. Das bleibt allerdings eine Vermutung, denn Frank Plasberg hat zu Beginn anderes vor: Der Moderator gibt lieber den Historiker und fragt, warum der Mensch denn nur so lange den Klimawandel geleugnet habe?

          Als die Verbandspräsidentin der Energiewirtschaft Marie-Luise Wolff sich auch noch anschickt zu fabulieren, man wisse noch gar nicht so lange, dass der Klimawandel menschengemacht sei, schwant dem Zuschauer Schlimmes. Das ist wiederum keine Vermutung, denn von den Zuschauerrängen im Studio ist tatsächlich ein lautes, seufzendes „Ohhhh“ zu vernehmen. Es wird das Rettungsfanal für diese Sendung.

          Taschenspielertricks und Parteiengezänk

          Zunächst stellt der Meteorologe Latif fest, dass der Klimawandel der Forschung schon seit 30 Jahren bekannt  sei. Dann folgt eine eingespielte Zuschauerfrage, ob man die deutschen Kohlekraftwerke nicht schon früher abschalten könnte. Das ist der Druck, den eine Diskussion zu Beginn braucht – und keine historischen Ouvertüren.

          Dem Einwurf von Marie-Luise Wolff, neue Kraftwerke wie in Datteln seien besser als alte, widerspricht Klimaforscher Latif abermals energisch und brandmarkt dies als billigen Taschenspielertrick. Unterm Strich werde dadurch erst Leistung draufgepackt, um sie anschließend wieder reduzieren zu können – präsentiert als Maßnahme zum Klimaschutz.

          Kurz darauf erlebt die Sendung abermals einen kritischen Moment: Als Boris Palmer – wie zuvor schon Marie-Luise Wolff – nicht nur für den Ausstieg aus der Kohle, sondern vielmehr für den Einstieg in erneuerbare Energien wirbt, wittert Alexander Graf Lambsdorff die Chance für altbekanntes Parteigezänk. Es seien die Grünen, die deutschlandweit Stromtrassen blockieren würden. Auf Palmers Rückfrage, welche Grünen gemeint seien, reagiert Lambsdorff schlicht mit einem neuen Vorwurf und verweist auf den Widerstand gegen die geplante Tesla-Fabrik in Brandenburg.

          Klimaschutz attraktiv machen

          Doch die Zeiten, als Klimaschutz das politische Alleinstellungsmerkmal der Grünen war, sind längst vorbei. Und genauso vorbei sollten die Zeiten sein, in denen Klimaschutz für Parteiengezänk instrumentalisiert wurde. Zu drängend ist das Problem. Außerdem lautet die Frage der Sendung nicht. ob FDP oder Grüne Klimaschutz besser können, sondern wie viel jeder von uns tun kann.

          Ein Einspieler zeigt, was Boris Palmer tut. So streitbar der Grünen-Politiker auch sein mag, in Tübingen verfolgt der Oberbürgermeister ein klares Ziel: Klimaneutralität bis 2030 – durch neue Radwege und Brücken für Fahrräder, durch den kostenlosen Stadtbus am Samstag oder die verpflichtende Solaranlage für Neubauten. Diese Maßnahmen wie auch das eigenmächtige Schließen zweier Brücken für den Autoverkehr will Palmer jedoch nicht als Gängelung verstanden wissen. Er ist überzeugt: Man muss die Leute gewinnen und gleichzeitig das System komplett verändern.

          Wie kann Klimaschutz attraktiv sein, fragt Palmer, wenn einerseits Parken umsonst sei, der öffentliche Nahverkehr hingegen koste. Auf die Nachfrage Plasbergs, wo man denn kostenlos parke, erklärt Palmer: Sie merken es gar nicht mehr, aber auf den meisten Straßen ist Parken umsonst. Selbst in Tübingen müsse man lediglich auf 10 Prozent der Straßen eine Gebühr bezahlen.

          Innovative Ideen aus Lüneburg

          Dann betritt ein „Held des Planeten“ das Studio: Mit diesem Titel wurde Michael Braungart 2007 vom renommierten Time-Magazin ausgezeichnet. Und der Professor der Leuphana Universität Lüneburg hält, was seine Vorschusslorbeeren versprechen. Der Chemiker fackelt ein wahres Feuerwerk an praktischen Ideen und grundsätzlichen Gedanken ab. So präsentiert er einen Turnschuh, dessen Sohle offenbar nicht die Umwelt belaste. Denn 109 Gramm Mikroplastik gelangten durchschnittlich über den normalen Schuhabrieb in die Umwelt. Warum, fragt Braungart, verwenden wir also nicht Plastik, dass nützlich ist. Oder essbare Stoffbezüge?

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