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TV-Kritik: Hart aber fair : Wachstumsschmerzen einer Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen über die Deutsche Bahn Bild: WDR

In der Debatte um die Deutsche Bahn bei „Hart aber fair“ beschreibt der Bahnchef das Grundproblem seines Unternehmens. Grüne und CDU werfen sich unterdessen wechselseitig Verfehlungen vor.

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          Dem Neoliberalismus kann man einiges vorwerfen, aber eines nicht: Mit dessen Durchsetzung begann endgültig der Siegeszug der Statistik. Schließlich weiß niemand so genau, wie pünktlich die Züge der zum 1. Januar 1994 verblichenen Deutschen Bundesbahn wirklich gewesen sind.

          Wahrscheinlich hat auch niemand darüber Buch geführt, wie oft Toiletten defekt oder Kunden orientierungslos an den Bahnhöfen auf ihre Weiterfahrt warten mussten. Zudem gab es in den meisten Zügen keine Klimaanlagen, weshalb das Öffnen der Fenster als die obligatorische Form der Temperaturregulierung galt. Damit verbunden die in Deutschland übliche Debatte über die gesundheitlichen Risiken der Zugluft. Das alles war für die als Behörde geführte Bundesbahn kein Thema. Kunden gab es nicht, sondern nur die hoheitliche Aufgabe zur Beförderung von Personen und Gütern.

          Daran musste man denken als Frank Plasberg mit Richard Lutz bei „Hart aber fair“ über die Pünktlichkeitsstatisken der Deutschen Bahn AG diskutierte. Es ging um das Thema: „Klimaretter oder Nervenkiller – was kann die deutsche Bahn?“ Deren Vorstandsvorsitzende bemühte sich, die Validität seiner Daten deutlich zu machen, auch im internationalen Vergleich. Zweifellos hatte Lutz recht, wenn er einen ausgefallenen Zug nicht unter die statistische Kennziffer namens Pünktlichkeit fassen wollte. Dieser Zug sei schließlich gar nicht erst abgefahren und könne deshalb auch nicht unpünktlich ankommen. Ob eine Bundesbahndirektion früherer Zeiten das Argument verstanden hätte, ist nicht sicher. So zeigte sich hier der Mentalitätswandel in den vergangenen Jahrzehnten.

          Der führte übrigens auch dazu, dass heute nicht mehr der Lokomotivführer als Traumberuf junger Leute gilt, sondern der des hart gesottenen Controllers. Mit Statistiken pünktlich in die Entscheidungsprozesse eines Unternehmens einzufahren, ist auch attraktiver als im Führungsstand einer Lokomotive in einen profanen Bahnhof, zudem besser bezahlt. Diese Statistiken haben aber leider den Widerspruch zwischen positiver Selbstdarstellung und subjektiver Kundenbefindlichkeit zu bewältigen.

          Deshalb hatte die Redaktion zwei passionierte Bahnfahrer eingeladen: Zum einen den Comedy-Autor und TV-Moderator Mickey Beisenherz, der offenbar öfter von Castrop-Rauxel aus das deutsche Bahnnetz erkundet. Mit dabei die Bahncard 100 und seine Kinder. Zum anderen die Studentin Judith Henke, die nebenberuflich als Journalistin arbeitet. Beide schilderten mit einer gewissen anekdotischen Evidenz die Nöte des hochmobilen Zeitgenossen unserer Tage. Mit dem Neoliberalismus haben sich nämlich auch die Lebensstile verändert. So gilt das frühere D-Zug-Tempo längst nicht mehr als Inbegriff von Geschwindigkeit, sondern als Ausdruck von Langsamkeit. Allerdings nur, wenn den Begriff überhaupt noch jemand kennt. Seit dem Jahr 1994 sind die Mobilitätsansprüche der Gesellschaft schneller gestiegen als der Ausbau der Infrastruktur.

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