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TV-Kritik: Hart aber fair : Wachstumsschmerzen einer Gesellschaft

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So blieb die Verkehrswende in dieser Sendung ein Desiderat, wo der Vorstandsvorsitzende der Bahn dafür unermüdlich sein ceterum censeo verkündete: „Wir müssen besser werden.“ Das hörten die Zuschauer gerne. Allerdings wollte Lutz nicht „in die Details eintauchen“. Das erwies sich wiederum als Problem, weil die Komplexität des Themas ohne die Klärung lästiger Details scheitern könnte. So blieb Hofreiter ohne Antwort, als er auf den Abbau des Streckennetzes um 6.000 Kilometer in den vergangenen Jahrzehnten hinwies. Ob es überhaupt sinnvoll ist, solche Strecken weiter zu betreiben, die lediglich von wenigen Fahrgästen genutzt werden, wurde deshalb nicht geklärt. Genauso wenig wurde die Frage diskutiert, ob ein Schienensystem überhaupt die Bedürfnisse der hochmobilen Generationen eines Beisenherz oder einer Frau Henke befriedigen kann. So wiesen beide auf den ernüchternden Tatbestand hin, dass der Individualverkehr in den meisten Fällen weiterhin die effektivste Form der Fortbewegung ist.

Die gegenwärtige Gesellschaft wäre auch schlicht nicht mehr funktionsfähig, wenn sie Mobilität wie vor den beiden Weltkriegen definierte. Kurioserweise ist die um das Aussterben der Menschheit besorgte Bewegung das beste Beispiel für diese Paradoxie. Dort will eine Aktivistin namens Carola Rackete alles revidieren, was der Bewältigung der Klimakrise entgegenlaufe, um im Jahr 2025 die vom Menschen verursachten Treibhausemissionen auf Null zu senken. So formulierte sie es in einer Rede in Berlin. Dass die weltweite Migrationsbewegung ohne die dramatische Absenkung der Mobilitätskosten unmöglich wäre, hat sie längst vergessen. Das Vergessen setzte allerdings vorheriges Wissen voraus. In einem früheren Leben hatte sie sich mit der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer beschäftigt.

So hat jeder seine Sorgen

So gab es für alle Bürger, die sich noch nicht als Kunden der global agierenden Empörungsindustrie begreifen, durchaus positive Nachrichten. Die Deutsche Bahn transportierte jeden Tag sieben Millionen Fahrgäste, wie Althusmann anmerkte. Aus den Statistiken ist sogar eine Quote von 94-Prozent-Pünktlichkeit abzulesen, wenn man die Kriterien der Schweizer Bahn auf die deutschen Kollegen anwendete, wenigstens argumentierte Bahnchef Lutz so. Zudem kündigte er für die kommenden Jahre die Anschaffung von zweihundert Zügen an, und wolle sich außerdem noch um die Digitalisierung kümmern. Hatte Frau Henke doch die Erfordernis mehrerer Bahn-Apps kritisiert, die nur leider den Speicher ihres Smartphones überforderten. So hat jeder seine Sorgen. Wahrscheinlich wurde deshalb keine App vorgeschlagen, die die Funktionsfähigkeit der Zugtoiletten überwachen könnte.

Dafür hatte Hofreiter für alle Bahnkunden einen ironisch gemeinten Tipp zum Umgang mit der ebenfalls diskutierten Überbelegung von Zügen zu bieten: Die Fahrgäste sollten sich bei fehlender Platzreservierung im Bahnbistro einen Sitzplatz suchen. Das ist vor allem solchen Fahrgästen zu empfehlen, die vom Bundestag eine Bahncard 100 zur Verfügung gestellt bekommen, oder sie wenigstens als Betriebsausgabe von der Steuer absetzen können. Ansonsten sind die zusätzlichen Verzehrkosten in die betriebswirtschaftlichen Überlegungen ein nicht zu unterschätzender Faktor, wie einem jeder Controller ohne jede Ironie bestätigen wird. Wahrscheinlich sollte sich die Bahn auf ihre Kernkompetenz besinnen: Ihre Fahrgäste von A nach B zu bringen. Wie schwierig das in der Praxis ist, zeigte diese Sendung. Dafür brauchte man aber noch nicht einmal eine Statistik.

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