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TV-Kritik: Hart aber fair : Wachstumsschmerzen einer Gesellschaft

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So wäre auch Plasberg damals wohl nicht auf die Idee gekommen, jeden Montagmorgen mit dem Flugzeug von Köln nach Berlin zu fliegen. Diesen Sachverhalt drückte Lutz gut aus: Wir hätten es mit „steigenden Verkehr auf einer immer knapper werdenden Infrastruktur zu tun“. Er verbuchte das unter „Wachstumsschmerzen“. Früher blieb man halt öfter in Castrop-Rauxel. Deshalb haben die gegenwärtigen Aktionen einer von ihren Ängsten vor dem eigenen Aussterben geplagten Generation durchaus satirisches Potential: Dort demonstrieren sie gegen sich selbst, und die als selbstverständlich angenommenen Mobilitätsbedürfnisse. Womit gleichzeitig das zweite Problem des neoliberalen Weltbildes skizziert wird. Die Umformatierung des früheren Bürgers zum Kunden erzeugte bei diesen das entsprechende Anspruchsdenken. Fehlendes Wlan im ICE geht nämlich gar nicht, selbst wenn sich jemand vor dem Aussterben der eigenen Gattung fürchten sollte.

Hofreiter als Industrielobbyist

Das wurde nicht weiter diskutiert, obwohl mit Anton Hofreiter (Grüne) und Bernd Althusmann (CDU) zwei Verkehrsexperten aus der Politik anwesend waren. Beide waren allerdings damit beschäftigt, sich wechselseitig die jeweiligen Verfehlungen vorzuwerfen. So staunte der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag nicht schlecht als ihm der niedersächsische Verkehrsminister die früheren Erfolge seiner Partei vorwarf, nämlich in der rot-grünen Bundesregierung den Bau einer ICE-Strecke zwischen München und Berlin verhindert zu haben. Das hörte Hofreiter nicht so gerne, wobei er sich mit Kritik an den nachfolgenden Bundesregierungen zu revanchieren wusste. Tatsächlich hatte jeder Bundesverkehrsminister seit dem Jahr 2005 das Blaue vom Himmel bezüglich des Ausbaus der Bahnverkehrs versprochen. Nichts davon wurde von den zuständigen Ministern verwirklicht, wie Hofreiter deutlich machte. Immerhin wollten beide Politiker aber nicht die Perspektive auf ein schwarz-grünes Bündnis beschädigen. Das wird unter Umständen sogar noch vor dem Aussterben der Menschheit geschlossen werden. So einigten sie sich darauf, im Bundestag eine rechtliche Privilegierung des Staatskonzerns im Umgang mit dem Privateigentum der Bürger zu beschließen. Es geht um die Anlieger jener Bahntrassen, wo Bäume ein Gefährdungspotential für den Bahnbetrieb darstellen. Ansonsten dokumentierte Hofreiter seine beachtlichen Fähigkeiten als Industrielobbyist. Er forderte die Bahn und die Bundesregierung zur Standhaftigkeit auf, um den Ausbau der Windenergie oder den Bau von Speicherkraftwerken zu forcieren. Also das, was die Bundeskanzlerin im Jahr 2011 beim vorgezogenen Ausstieg aus der Atomenergie vermissen ließ.

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