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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Das neue Urlaubssouvenir heißt Corona

  • -Aktualisiert am

Die Gäste bei Frank Plasberg, von links nach rechts: Peter Tschentscher (SPD, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg), Christina Berndt (Wissenschaftsredakteurin bei der Süddeutschen Zeitung), Florian Schroeder (Kabarettist und Moderator) Bild: WDR/ Oliver Ziebe

Mit Urlaubsende und Schulbeginn steigen die Infektionszahlen in Deutschland. Das war allen klar. Schuld ist die Politik, meint Frank Plasberg. Doch so mancher Gast sieht das differenzierter.

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          Welches Land geht an seinen Staatsgrenzen konsequenter gegen die Corona-Pandemie vor: der Libanon oder Deutschland? Das Land in Vorderasien, das seit Jahren von Gewalt und Bürgerkrieg gebeutelt wird, dessen Währung dramatisch verfällt und wo selbst Menschen der Mittelschicht oft nicht über ausreichend Lebensmittel verfügen? Oder doch das Kraftzentrum im Herzen Europas mit seiner enormen Wirtschaftsleistung, seiner ausgefeilten Bürokratie und seinem hochentwickelten Gesundheitssektor? Tja, in der Sendung „Hart aber fair“ wird deutlich, dass die Antwort vermeintlich recht einfach ist.

          Wer in den Libanon reist, muss vor dem Abflug einen negativen Corona-Test vorlegen und sich nach Ankunft am Flughafen in Beirut nochmals einem Schnelltest unterziehen. Erst wenn auch dieser Test negativ ausfällt, darf man ins Land einreisen. So berichtet es die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation bei Frank Plasberg.

          Und in Deutschland? Auch das beantwortet die Mitarbeiterin: Auf dem Rückflug nach Deutschland wurde im Flieger ein detaillierter, mehrseitiger Corona-Fragebogen ausgeteilt – gründlich deutsch, ist man geneigt zu sagen. Nur: Eingesammelt hat den Fragenkatalog am Ende niemand. Höchstens vielleicht der Papierkorb am Flughafen.

          Die Folge: Sowohl der Libanon wie auch Deutschland verzeichneten in den vergangenen Tagen Rekordzahlen an Neu-Infektionen. Am Sonntag wurde im Libanon der bisherige Höchstwert erreicht: 439 neue Infektionen; in Deutschland war es am vergangenen Freitag so weit: allerdings waren es 1.449 neue Corona-Fälle.

          Entsprechend stellt Frank Plasberg an diesem Abend seine Sendung unter die Frage: „Der ungeliebte Urlaubs-Rückkehrer: Wer hat Corona wieder rein gelassen?“ Klären sollen das Peter Tschentscher (SPD, Erster Bürgermeister von Hamburg), Michael Hüther (Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln), Nele Flüchter (Gründungsmitglied der Initiative „Familien in der Krise“), der Kabarettist Florian Schroeder sowie die Wissenschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung Christina Berndt.

          Freudiges Hau-Drauf auf die Politik

          Die Antwort auf die Frage wird gleich mitgeliefert: Ein Drittel der Neu-Infizierten in Deutschland hat sich im Ausland angesteckt. Tendenz steigend. Doch Frank Plasberg will seine Gäste auf die Suche nach den Schuldigen weiterführen. Denn es war doch klar, dass viele Deutsche trotz Corona auch dieses Jahr ihren Urlaub im Ausland verbringen würden. Nur: Die Politik hat viel zu später darauf reagiert – nämlich erst, als viele Urlauber schon wieder zu Hause waren. Seit dem 1. August können sich Rückkehrer kostenlos auf Corona testen lassen, und erst seit dem 8. August besteht eine Testpflicht.

          So ist das Feld bestellt für ein munteres Politikbashing. Und sollte jemandem diese Richtungsvorgabe entgangen sein, serviert Plasberg nochmals eine Steilvorlage in dem er witzelt, wie überraschend das Ferienende wohl gekommen sein mag, es stehe ja „erst“ seit Jahren im Kalender.

          Das stimmt alles. Schon zu Beginn der Pandemie wurde in Ländern wie China oder Südkorea längst getestet, als man an Deutschlands Flughäfen selbst Reisende aus China einfach durchwinkte. Das muss man thematisieren und fragen, ob man tatsächlich immer die gleichen, überaus einfachen Fehler machen muss.

          Tschentscher fügt sich nicht ins Drehbuch

          Doch wenn eine Talkshow von Beginn an zu sehr in eine Richtung geht, wirkt sie eben auch schnell gestellt und fad. Umso erfreulicher ist es, wenn Gäste sich dann nicht so recht in die ihnen zugedachte Rolle fügen. Und an diesem Abend ist das ausgerechnet die vermeintliche Zielscheibe: Peter Tschentscher. Hamburgs Erster Bürgermeister ist der einzig anwesende Politiker – und macht an diesem Abend bei „Hart aber fair“ nicht den Prügelknaben, sondern eine überaus gute Figur. Er gesteht Fehler ein, benennt Probleme und wagt unpopuläre Vorschläge.

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